Dieser Abend hat (fast) jeden begeistert:
Am 6. Februar 2026: "Anna-Mania" im überfüllten Eberhard-König-Saal
Doch es gibt auch Stimmen zum Buch des Autors Henning Sußebach, die nicht nur den Autor und sein Werk buchstäblich in die "Kritik" nehmen, auch die vielen begeisterten Leser kopfschüttelnd zurücklassen. Der Verfasser des als Miszelle bezeichneten Beitrages ist Dr. Marten Pelzer. Dieser hat in einer mehrseitigen Fleißarbeit Sußebachs Erinnerungsarbeit an seine Ur-Großmutter nicht gerade mit Lob überschüttet. Ich möchte mich dazu nicht äußern, denn auch ich stelle mich durch die mit meiner Website öffentlich gemachten Berichte und Aufsätze kritischen Stimmen. Damit muss man umgehen lernen!
Die in Heft 1/2026 der Zeitschrift des Sauerländer Heimatbundes unter der Rubrik "Buchbesprechung" abgedruckte Literatur-Analyse mache ich hier bekannt:

Der mit Literaturpreisen ausgezeichnete Buchautor und Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT namens Henning Sußbach hat die Geschichte seiner Urgroßmutter Anna Kalthoff recherchiert und ihr mit einem Buch ein würdiges Denkmal gesetzt. Ich empfehle es allen Lesern, die heimatgeschichtlichen Themen Interesse entgegenbringen, da das Buch ein Teil unserer näheren Orts- und Heimatgeschichte ist. Die Geschichte spielt in Cobbenrode, ist nicht frei erfunden, also kein Roman sondern eine lesenswerte Biografie.
Ich habe eine Rezension zu diesem Buch geschrieben und mich dazu mit der Geschichte der Familie Vogelheim in Cobbenrode beschäftigt.
Du findest diese Beiträge auf meiner Website!
Zum Beginn des Museumsjahres 2026 konnten wir mit einer viel beachteten Autorenlesung im DampfLandLeute Museum in Eslohe aufwarten:
Der Autor Henning Sußebach las im überfüllten Eberhard-König-Saal aus seinem Bestseller-Buch "Anna - oder was von einem Leben bleibt". Er hat darin das Leben seiner Urgroßmutter einem großen Publikum nähergebracht. Auch überraschte der Autor seine Zuhörer mit humorvollen Ergänzungen und Bemerkungen, sodass der Abend auch für alle, die sein Buch bereits gelesen hatten, sehr unterhaltsam war.
So war es eine überaus gelungene Aktion des Museumsvereins in Gemeinschaft mit der Kolping-Familie Eslohe und Herrn R. Hesse vom Buchladen "Tintenfaß".
Zum Abschluss des Abends bin ich mit einem zehnminütigen Wort-Beitrag auf eine Botschaft, die Sußebachs Buch beinhaltet, eingegangen. Es war auch des Autors Anliegen, das Bedürfnis bei seinen Lesern zu wecken, nach ihrer "eigenen Anna" in der Familiengeschichte zu suchen. Meine kleine Ansprache war deshalb im Vorfeld mit dem Autor abgesprochen und hatte das Ziel, diese Botschaft noch einmal zu bekräftigen.
Nachfolgend kannst du den Text meines Wort-Beitrages lesen:
Das Schweigen der Ahnen brechen …
Anna oder: Was von einem Leben bleibt…
ist im besten Fall ein biografisches Schriftwerk, wie dieses Buch von Henning Sußebach.
Dem Autor ist ein Bravourstück gelungen, mit dem er die Erinnerung an seine Urgroßmutter als eine starke Persönlichkeit ihrer Zeit, aufgeweckt hat. Ein Applaus dafür ist mehr als berechtigt.
Henning Sussebach beginnt seine berührende Suche nach dem Leben seiner Urgroßmutter mit einer Metapher:
Sie besagt, dass jeder Mensch zwei Tode sterben muss. Der erste Tod ist der biologische, den wir meinen, wenn wir vom Sterben sprechen.
Unser Leben ist vergleichbar mit einem Buch. Wir schreiben es Tag für Tag, Stunde für Stunde und füllen es mit unseren Gedanken.
Ist der letzte Herzschlag getan, schließt sich das Buch und wird schlussendlich zur Seite gelegt.
Es vergeht die Zeit und sein Inhalt gerät in Vergessenheit. Nun beginnt das zweite Sterben: Der Mensch wird vergessen!
Anna Kalthoff kam auf die Welt und verließ sie wieder, wie so viele vor uns.
Es ist genau das, was den Historiker antreibt: Die Menschen vor dem Vergessen zu bewahren, vor ihrem zweiten Sterben.
Das war auch die Absicht des Autors Henning Sußebach. So machte er sich auf Spurensuche nach dem Leben seiner Urgroßmutter, wovon er viel zu wenig wusste und fand Anna, ihr Leben als eine starke und selbstbewusste, ihrer Zeit vorausgehenden Frau.
Waren auch nur wenige Dinge aus ihrer Zeit erhalten geblieben, so ist es ihm dennoch gelungen, sich einfühlsam und zusehends liebevoll ihrer Lebensgeschichte zuzuwenden.
Seine Recherchen durchleuchten auch die Zeitgeschichte, denn kein Mensch lebt in einer Blase, unberührt von seinem Umfeld und den Zeitgeschehen. Um ihn zu verstehen, muss man das Ganze begreifen. Deshalb setzt der Autor Anna mitten hinein in ihre Zeit und ordnet ihr den gebührenden Platz. So ist dennoch eine starke Biographie entstanden.

Da war eine alte Fotografie erhalten geblieben. Sie zeigt Anna, ein Mädel an der Schwelle zum Erwachsenwerden, ein Teenager – so sagt man heute.
Ich habe mir erlaubt, Anna Farbe ins Gesicht zu zaubern. Schließlich ist sie vor 140 Jahren nicht in schwarz-weiß im Photographischen Atelier in Soest erschienen. Und wie man jetzt erst recht erkennt, war sie eine hübsche junge Frau. Sie würde nicht auffallen, unter den Mädchen von heute. Vielleicht durch ihre schlichte Schönheit, ganz ohne Piercing und Tatus.
Vielleicht würde sie sich durch ihre Sprache verraten, die zwar in Hochdeutsch erlernt, aber vom Dialekt gefärbt war, dem Erwitter Platt.
Was hatte sie bewogen den Fotografen aufzusuchen?
Warum war es ihr wert, wertvolle Taler zu opfern und sich auf den Weg in die Stadt zu machen?
Ein kleines Abenteuer war es allzumal, denn das was sie dort erwartete, war für sie mysteriös und einschüchternd: Apparaturen, die sie erstmals zu Gesicht bekam und dann das ganze Prozedere bis alles „im Kasten war“.
Heute erleben wir eine regelrechte Inflation der Bilder, digital und immer verfügbar. Zu Annas Zeiten war ein Foto ein „Luxusgut“, ein Andenken an die Familie oder an ihre Schulfreundinnen in dem Bewusstsein:
„Ich will, dass man sich an mich erinnert, wenn ich einst Geschichte bin.“
Es sind Gedanken, die heute beim Selfie keinem in den Sinn kommen würde. Es dient nur der Selbstdarstellung, primär in den sozialen Medien.
In Henning Sußebachs Buch über Anna steckt eine Botschaft, die er mir gegenüber auch bekräftigt hat. Es ist ihm ein Anliegen, ein Bedürfnis bei seinen Lesern zu erwecken, nach den eigenen Vorfahren zu suchen. Ich unterstütze das nun mit meinem Wort-Beitrag und möchte SIE darin bestärken nach IHRER persönlichen „Anna“ zu suchen.
Denn ich kann IHNEN versichern: Sehr oft und immer wieder stoße ich bei meiner Suche in den Familienchroniken auf Frauen wie Anna und erkenne deren Schicksale, die vielfältig sind:
- Der unermessliche Kummer einer Mutter, deren Kinder nacheinander zu Grabe getragen wurden, weil sie an Typhus oder anderen Infektionskrankheiten gestorben sind. Sie wurden geboren und sie starben in ihren feuchten und kalten Stuben.
- Der plötzliche und viel zu frühe Tod des Gatten, der sie mit all den Pflichten und Arbeiten allein zurückließ.
Sie schöpften Kraft aus ihrem Glauben und genügten ihrer Christenpflicht:
Acht Kinder in zehn Jahren brachten sie zur Welt, starben oft viel zu früh „im Kindsbett“ und hinterließen einen hilflosen Gatten, der in kurzer Zeit eine Stiefmutter für die Kinder ehelichte. Und bei allen Widrigkeiten fügten sie sich ihrem Gott gewollten Schicksal und gingen ihren zugewiesenen Weg weiter.
Heute zerbrechen die Menschen an solchen Schicksalen!
Die Erkenntnis, die man aus den alten Nachrichten gewinnt, macht demütig und relativiert manches Ereignis von heute. Deshalb hilft die Familienforschung dabei, die eigene Wahrnehmung nüchterner zu bewerten, wenn man sie mit den Lebensumständen der Vorfahren vergleicht.
Die Menschen von damals konnten sich ein Leben, wie wir es heute führen, weder in ihren schönsten Träumen vorstellen noch begreifen. Ihre Ansprüche waren bescheiden und dennoch führten sie ein Leben, das Freude und Glück, nicht nur Schmerz und Trauer kannte.
Da liegt vielleicht seit Jahren ein verblichenes Foto im Rahmen tief in einer Schublade. Irgendwann hatte es einmal einen Ehrenplatz im Haus. Vielleicht wird ein altes Bilderalbum aufbewahrt, groß und schwer mit aus Messing versehenen Einfassungen.
Schlägst du es auf, wirst du historische Portraitfotos erblicken. Carte-de-Visite wurden sie genannt. Es sind meistens Fotoabzüge auf ein festes Stück Karton geklebt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder der Jahrhundertwende.
Du blickst in namenlose Gesichter. Wohl möchte man mehr von diesen Menschen wissen, doch sie lassen uns allein mit unseren Fragen und Ahnungen. Bilder bekommen erst einen Wert, wenn die Gesichter einen Namen bekommen, wenn eine Lebensgeschichte ihnen zugeschrieben werden kann. Nur dann wird das Ansinnen der Protagonisten Wirklichkeit, als diese sich – so wie Anna - einst auf den Weg zum photographischen Atelier machten: „Ich will, dass man sich an mich erinnert, wenn ich einst Geschichte bin.“
Ich möchte noch ein paar Hinweise geben:
Die Zeiten in der man die Erlaubnis des Pfarrers einholen und sich in die Archive der Pfarrhäuser begeben musste um nach den Vorfahren zu suchen sind längst vorbei. Zum Schutz der Kirchenbücher wurden diese nach und nach gescannt und digital ins Netz gestellt. So ist man heute in der angenehmen Lage, bequem von Zuhause vor dem PC in die Aufzeichnungen der Pfarrer hineinzuschauen. Aber auch das ist nicht immer leicht, zumal auch schon zu früherer Zeit das Schriftbild mancher Geistlicher „zum Himmel schreit“.
Dennoch ist die Seite des Paderborner Erzbischofs „Matricula Online“ zu empfehlen, sucht man nach seinen Vorfahren.
Überhaupt finden sich im Internet einige Quellen, die man über Google und Co. entdecken kann, auch ohne kostenpflichtige Adressen.
Auch die Veröffentlichungen des verstorbenen Josef Lauber aus Reiste, der Ende der siebziger Jahre die Stammreihen Sauerländischer Familien in mehreren Bänden herausgegeben hat, bringen wertvolle Erkenntnisse. Und man wird feststellen, dass ein überwiegender Anteil der Bevölkerung einen bäuerlichen Ursprung hat und aus der Geschichte eines Kotten oder Hofes hervorgegangen ist.
Uralte Urkunden „geben Kunde aus alten Zeiten“. Testamente, Kaufverträge – sog. Kontrakte- Lehnsbriefe, Schatzungen und andere Schriften:
Die Notariats- und Gerichtsschreiber ihrer Zeit - Aktuare nannte man sie - haben mit Papier und Feder den Menschen so unbewusst ein Gedächtnis bewahrt. Auch hier finden sich wertvolle Hinweise für die Ahnenforschung.
Nachfragen in den Archiven der Städte und Gemeinden sind oft erfolgreich. Auch das Archiv unseres DampfLandLeute- Museums gibt so manche Geheimnisse preis. Es besteht also eine Vielzahl von Möglichkeiten gezielter Suche nach Informationen.
Das Wichtigste aber ist Geduld, - viel Geduld!
Und oft ist das Buch bereits zugeschlagen, da eröffnen sich unverhofft neue Erkenntnisse, die Klarheit bringen – manchmal auch das als gesichert Geglaubte infrage stellen.
Es wird auf jeden Fall eine spannende Reise in die Vergangenheit, sollte man sich auf den Weg nach seinen Vorfahren machen.
Ich glaube fest daran, dass wir die Erfahrungen unserer Vorfahren – wenn auch unbewusst – in uns tragen. Sie prägen unser Wesen und Denken, denn ihr Blut fließt in unseren Adern. „Wir stehen sozusagen auf den Schultern unserer Ahnen“.
Danke, dass Sie mir ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben!
