In den letzten Tagen im März 1945 beginnen die ersten direkten Kampfhandlungen im Sauerland. Der sog. Ruhrkessel hatte sich bereits geschlossen. Die Alliierten treffen sich am 1. April, dem Karsamstag 1945, an einem Wasserturm bei Lippstadt und haben 300.000 deutsche Soldaten der Heeresgruppe B unter dem Oberbefehl des Generalfeldmarschalls namens Model eingeschlossen. Am 29. März wurde Hallenberg als erste Ortschaft im Sauerland kampflos von der 1. US-Armee besetzt. Die Besetzung des Sauerlandes durch die Alliierten nimmt ihren Lauf. Die heftige Gegenwehr deutscher Soldaten wird vereitelt. Am 3. und 4. April werden die Dörfer Westenfeld und Oberkirchen mit großen Verlusten, auch bei der Bevölkerung, besetzt. Die Kampfhandlungen breiten sich über das ganze Sauerland aus. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Amerikaner auch die Gemeinde Eslohe erreicht.
Mein Großvater Wilhelm Feldmann (1876-1960) hat die Ereignisse in diesen Wochen und danach schwarz auf weiß niedergeschrieben. Seine "Rundschau", wie er es nannte, gibt Einsicht in seine Gedankenwelt, seine Ängste und Sorgen. Es ist ein Zeitdokument, welches ich zur Mahnung an alle "Friedensmüden unserer Zeit" hier auch zum Download, veröffentliche.
Dieser Aufsatz wird von mir im PDF-Dateiformat zum Download und Ausdruck zur Verfügung gestellt. Eine Veröffentlichung bzw. Weitergabe an Dritte und/ oder Verwendung zu gewerblichen Zwecken ist nur nach ausdrücklicher Genehmigung des Urhebers erlaubt:
(C) Wilhelm Feldmann
* Seit jeher gilt die weiße Flagge als Friedensfahne. Früher wurde die weiße Flagge im Krieg gehoben, wenn ein Land sich ergeben hatte.
Noch heute dient die weiße Flagge daher als Symbol des Friedens.
Das sinnlose Tun der Unbeugsamen
Anfang April 1945 wurde das Kriegsgeschehen unmittelbar in unsere Heimat getragen. Nun war durch Einmarsch der Alliierten auch das Sauerland betroffen. Weiße Fahnen wurden nun wichtiger als jedes Geschütz, das der Krieg noch übriggelassen hatte. Doch diese Einsicht war nicht überall gegeben. Einige wollten nicht einsehen, dass es Zeit war für ein Beugen vor der überlegenen Gewalt, nicht für wütende Gegenwehr als letztes Mittel. Der hilflose und sinnlose Versuch deutscher Soldaten sich der Übermacht entgegenzustellen, zeitigte nur Unheil. Darum gerieten beim unaufhaltsamen Eindringen der alliierten Verbände ganze Dörfer in Brand und viele Todesopfer mussten beklagt werden. Während einige Orte, so wie Oberkirchen oder Heiminghausen, besonders in Mitleidenschaft genommen waren, kamen andere wiederum mit der Angst und dem Schrecken davon.
Erlebtes wurde für die Nachwelt aufs Papier geschrieben

Diese schweren Tage vor achtzig Jahren haben unsere Großeltern und Eltern auf vielerlei Weise erfahren müssen. Die Erinnerungen daran haben sie zu ihren Lebzeiten nicht verloren. Einige Zeitzeugen fanden - noch unter dem Eindruck dieser schweren Tage stehend - die Kraft, das Erlebte mit ihren eigenen Worten und Gedanken aufs Papier zu bringen. Dazu gehörte mein Großvater Wilhelm Feldmann (1876-1960).
Für ihn ist in der Zeit seines Lebens das Schreiben von großer Wichtigkeit gewesen. Waren es vorrangig die lückenlosen Eintragungen in seine Kassenbücher und die zahlreichen Briefe die er schrieb, so wurden es nun seine Aufzeichnungen über die Erlebnisse in schwerer und umwälzender Zeit.
Er nannte sie „Rundschau“ und begann mit ihnen am 1. April 1945 mit den Worten:
„In dieser Zeit weltumspannender Ereignisse sollen der Nachwelt einige Aufzeichnungen über das derzeitige Geschehen Auskunft geben“.
Von seinen Erlebnissen berichtete Großvater in den ersten Monaten täglich. Seine Wortwahl ist wenig emotional, eher sachlich gefasst. Das entsprach seinem Wesen.
Seine Aufzeichnungen erzählen nicht nur vom eigenen Erleben. Sie berichten auch von Gerüchten, die in dieser Zeit häufig die Runde machten, denn Radioempfang und Tageszeitung fehlten jetzt. Was war Propaganda, was war Wirklichkeit?
Es kann nur besser werden
Großvater erzählt von der Einnahme des Sauerlandes durch die Alliierten, die eines Tages auch den Heimatort Sallinghausen erreichen. Kommen sie als Feinde, Besatzer, vielleicht als Befreier von einer schweren Last? Doch keine guten Nachrichten machen die Runde, so wie die aus Heiminghausen, dort wo Großvater geboren und aufgewachsen ist. Und auch anderswo brennen die Dörfer, sterben Bewohner noch bevor endlich die Waffen schweigen. Plünderungen gehören bald zur Tagesordnung. Die Zwangsarbeiter rächen sich bei denen, die sie nicht gut behandelten und rauben was sie nehmen können. Es ist beileibe noch keine gute Zeit, die liegt noch in der Ferne. Das wird jedem Leser klar, der Großvaters „Rundschau“ liest.
Trotz großer Opfer auch Dankbarkeit

Meine Großeltern mussten in den Kriegsjahren von 1940 bis 1945 große persönliche Opfer bringen: Die beiden ältesten Söhne Josef und Wilhelm waren 1941 in Russland gefallen. Auch die drei jüngeren Brüder Alfons, mein Vater Otto und der Bruder Alfred kämpften fürs Vaterland. Während mein Vater bereits ein Jahr vor Kriegsende aus Norwegen zur „Heimatfront“ zurückkehrte, kehrte Alfons nach jahrelangem Kriegseinsatz erst im Sommer 1945 gesund zurück in die Heimat. Noch zum Jahreswechsel 1945/46 befand sich der jüngste Sohn Alfred in Gefangenschaft. Die Großeltern hatten aber erfahren, dass ihr Sohn noch lebte. Doch resümiert Großvater, der immer stark im christlichen Glauben verankert war, zurückblickend auf das Jahr 1945 dankbar. Aber er sah künftige Probleme, fürchtete sich vor der Zukunft:
„Ein inhaltsschweres Jahr liegt hinter uns, das für hiesige Gegend vielleicht mit den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges oder denen von 1806-07 seinesgleichen sucht. Dabei tritt der verlorene Erste Weltkrieg völlig in den Hintergrund, da in diesem der Krieg nicht im Lande wütete und die Besetzung des Rhein- und Ruhrgebietes nur eine vorübergehende war. Aber bei allen Schrecken hat 1945 doch das Ende des Krieges und das Ende einer Gewaltherrschaft ohnegleichen gebracht.
Gewiss, unserer Familie schlug das Kriegsgeschehen schwere Wunden, und außer dem Heldentod von Josef und Wilhelm ist Alfred noch in Russland kriegsgefangen. Unser Hab und Gut hat aber wohl keinerlei Schaden erlitten. In den Schreckenstagen des April steckte ich ins Kreuz eine Palme, links der Pforte an der Straße. Ich tat es im Vertrauen auf Gottes Schutz in schwerer Zeit. Mögen denn jene, die mir folgen werden, diesen Brauch unverrückbar hochhalten, sowie es auch meine Vorfahren hier und in meiner Heimat Heiminghausen immer gehalten haben.
Die Besatzungsmacht lässt uns wohl völlig unbehelligt und sieht man hier im Dorf selten einen Engländer, die sich ja auch nach 1914/18 im Rheinland bestens bewährten. Nun bedeutet das Ende des Krieges aber noch keinen Frieden und die Bedingungen werden ungleich schwerer sein, wie nach dem Ersten Weltkrieg. Das geht aus den Reparationssummen hervor, die die Feindstaaten nennen, deren Erfüllung in diesem Ausmaß ganz unmöglich ist.“
Anmerkungen:
Die „Rundschau“: Großvaters Tagebuch-Aufzeichnungen über die Zeit ab 1. April 1945 bis zum Jahresende 1945, sind im obigen PDF-Dokument lesbar.
Es möge ein Beitrag leisten, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Frieden ganz und gar nicht selbstverständlich ist. Auch in unserem Handeln und Denken sollten wir stets "nur weiße Fahnen hissen"!
