Das Geheimnis der Mokka-Kännchen


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(C) Wilhelm Feldmann

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Ein 200 Jahre altes Mokka-Kännchen und die alte Reister Pfarrkirche aus dem 12. Jahrhundert. Daraus ergibt sich eine Rätselfrage:

Welcher Zusammenhang besteht und was hat das mit zwei Porzellan-Kännchen zu tun, die schon immer in meinem Wohnzimmer-Schrank stehen?

Des Rätsels Lösung findet sich in folgenden Zeilen. 

 

Alte und neue St. Pankratius- Pfarrkirche in Reiste

Zeichnung der alten, im 12. Jhd. erbauten Reister Pfarrkirche nach Darstellung auf dem um 1822-35 aus Porzellan gefertigten Mokka-Kännchen
Zeichnung der alten, im 12. Jhd. erbauten Reister Pfarrkirche nach Darstellung auf dem um 1822-35 aus Porzellan gefertigten Mokka-Kännchen

Weithin sichtbar ragt ein mächtiger Turm empor. Er ist Teil der neugotischen Pfarrkirche St. Pankratius in Reiste bei Eslohe. Die Grundsteinlegung dieses ortbildprägenden Kirchenbaus erfolgte im Juli 1849. Schon im November 1852 konnte der Neubau durch den Reister Pastor Johannes Schulte feierlich eingeweiht werden. Das war vorerst das Ende eines langjährigen Notbehelfs, weil die betagte, siebenhundert Jahre alte Vorgängerkirche, deren Ursprung bis in das 12. Jahrhundert zurückging, dem drohenden Einsturz nahe war. 1835 musste sie schließlich vollständig abgebrochen werden.

 

Das im hohen Alter stehenden Gotteshaus, soll weiter unterhalb des heutigen Standortes gewesen sein. Es besteht noch eine Skizze, die nach dem Urkataster von 1830 angefertigt wurde. In dieser ist die Lage der Vorgängerkirche erkennbar. Auch ist noch ein Grundriss der alten Kirche vorhanden, der 1749 gezeichnet wurde und die Verteilung der Kirchenbänke und Kirchensitze zeigt. 

 

Ob sich jemals ein Künstler bemühte, dieses altehrwürdige Gemäuer auf Leinwand zu malen?

Falls es - das vermeintliche Kunstwerk – überhaupt gibt, so wird es seit einer Ewigkeit irgendwo ein Schattendasein führen. Und so blieb es für die Gegenwärtigen lange Zeit unbekannt, wie das ursprüngliche Erscheinungsbild der alten Reister Kirche war. Es war schlicht in Vergessenheit geraten. 

 

War es Zufall oder Fügung?

 

 

Keine Leinwand, aber ein barockes Mokka-Kännchen aus Porzellan bot einst Raum für das Motiv der alten Pfarrkirche in Reiste. Es zeigt die ehemalige romanische Kirche als schlichten Saalbau mit quadratischem Eingangsturm. Die Beschriftung, jeweils auf Wandung und Deckel „C.H.P. in Reiste 1822“ lassen keinen Irrtum aufkommen und weisen eindeutig auf Chrysologus Heimes, Pastor in Reiste, hin. 

 

Dieser war vormals Pater der Franziskaner in Attendorn, deren Kloster infolge der Säkularisation 1822 aufgehoben wurde. Nun trat er seinen pastoralen Dienst in Reiste an, den er bis zu seinem Tode im Jahre 1835 für seine Pfarrgemeinde „heilig, gerecht und untadelig“ ausgeübt hat. Der allseits beliebte Geistliche wird das Kännchen vermutlich im Laufe seiner Zeit in Reiste als Dedikation, also Ausdruck freundlicher Verbundenheit erhalten haben.

 

Unklar ist aber, wie dieses Geschenk in späterer Zeit in den Besitz des Joseph Pape (1831-1898) gekommen ist. Der in Eslohe geborene Dichter und Advokat, der sich in Büren niederließ, hatte das Kännchen, so wird angenommen, zum Dank für die juristische Vertretung in Prozessen der Reister Kirche gegen den Preußischen Staat erhalten. Auch ist nicht geklärt, ob dieses ein Einzelstück war oder als Teil eines Services bestand.   

 

Über Umwege zurück in die Gemeinde Eslohe

 

Aufmerksam wurde ich durch den Aufsatz von Rudolf Franzen, den dieser in den Esloher Museumsnachrichten 2016 ab Seite 27 unter dem Titel „Kirche – Orgel – Mokkakanne“ veröffentlichte und darin u.a. beschrieb, wie dieses für die Pfarrgemeinde Reiste wertvolle Porzellan, den Weg zurück in die Gemeinde fand.

Interessant war für mich auch die Beschreibung der Kanne, ihre Maße (Höhe: 18,5 cm, Durchmesser 6,7 cm) und ihr Aussehen, welches einem Kännchen, fast zweihundert Jahre im Besitz meiner Familie, zum Verwechseln ähnlich ist. Identisch ist auch das am Boden gezeichnete „W“, welches Rückschlüsse auf die Porzellanmanufaktur und den Herstellungszeitraum ziehen lässt. 

 

W = Wallendorfer Porzellan

Dieses, als Bodenmarke genannte Zeichen am Kannenboden, bestätigt den Zeitraum des Porzellangießens und passt mit der Zeitangabe am Reister Kännchen von 1822 überein. Nach der Bodenmarkentafel der Wallendorfer Porzellanmanufaktur in Lichte-Wallendorf/ Thüringen wurde dieses Zeichen bis 1833 dort verwendet. 

 

Die im Jahre 1764 gegründete Manufaktur zählt zu den ältesten in Europa. Bis 1833 befand sie sich im Familienbesitz des Gründers, namens Johann Wolfgang Hammann und wechselte dann im Laufe ihres Bestehens mehrmals ihre Besitzer. Von 1953 bis 1990 war sie ein volkseigener Betrieb der DDR und firmiert heute unter „Design House Lichte GmbH“, wo die Tradition der ursprünglichen handwerklichen Herstellung von Kaffee- und Teeservices gepflegt wird. Nach über 70-jähriger Produktionspause wird wieder nach alten Originalformen hergestellt. Die Kaffeekanne zum Service „Ostfriesische Rose“, heute wieder neu aufgelegt, erinnert in der Form an die Mokka-Kännchen, die vor zweihundert Jahren in der Wallendorfer Porzellanmanufaktur entstanden. 

 

Erinnerung an meinen Ur-Ur-Großvater

 

Keine Portraitmalerei und kein Foto, aber dieses Mokka-Kännchen mit dazu passender Milchkanne: Sie erinnern mich an meinen Ur-Ur-Großvater. Sein Name, der auch meiner ist, wurde kunstvoll von Hand auf das Porzellan gezeichnet, umrahmt von bezaubernden Blumenmotiven. Wilhelm Feldmann wurde am 8. Juni 1801 auf Feldmanns Hof in Heiminghausen geboren. Am 26.11.1829 heiratete er die erst achtzehn Jahre junge Elisabeth Reitz aus Dorlar, deren Familie vom Adelsgeschlecht von Hardt abstammte. 

Vermutlich war es ein Hochzeitsgeschenk

 

Vom Ur-Ur-Großvater kann berichtet werden, dass sein nur 50 Jahre währendes Leben arbeitsreich und bewegt gewesen ist und danach ausgerichtet war, den Hof in Heiminghausen groß zu machen, aber vor allem, diesen vom Grundherrn endgültig abzulösen: „Nicht mehr gezwungen sein, für fremde Herren zu schaffen!“ 1849 hatte er nach fast vierhundert Jahren Leben und Arbeiten der Familie auf dem vom Kloster Grafschaft belehnten Hof sein Ziel erreicht. Das aber mit einem hohen persönlichen Preis, der Aufopferung seiner Gesundheit.

Nach seinem Tod am 19. Mai 1852, er starb an der „Engbrüstigkeit“, hinterließ er seine hochschwangere Ehefrau mit sieben minderjährigen Kindern. Es blieben nur diese Kännchen, die heute an sein einstiges Dasein erinnern. 

 

Vermutlich war dieses Porzellan ein Hochzeitsgeschenk seiner Angetrauten. Im Jahre 1900 wurde mein Großvater Wilhelm Feldmann Universalerbe von Nurks Hof in Sallinghausen von seiner kinderlosen und verwitweten Tante Antonette Wüllner, geborene Feldmann.  Mein Ur-Großvater Peter Feldmann hat die Kännchen seinem Sohn, meinem Großvater, als Erinnerung an seine alte Heimstätte nach Sallinghausen mitgegeben.

 

Nun werden diese von mir bewahrt und nach Kenntnis ihrer Geschichte im Besonderen geschätzt.