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(C) Wilhelm Feldmann
Dieser Aufsatz wurde im September 2025 im ESSEL Boten Ausgabe Nr. 68 veröffentlicht!
Wenn man auch heute noch im Dorf die Unterscheidung zwischen „Alteingesessenen“ und „Neulingen“ kennt, man darf es nicht als Diskriminierung sehen. Das ist eher historisch bedingt, da man früher neue Mitbürger als „Buiterlinge“ bezeichnete. Das Wort „buiten“ ist von „außen“ oder „draußen“ abgeleitet (01). Auch gilt der alte Spruch nicht mehr, dass man erst einen Scheffel voll Salz miteinander gegessen haben muss, um akzeptiert und angenommen zu sein. Dennoch sieht man gerne, wenn sich Neubürger an die Gebräuche und das dörfliche Miteinander anpassen. Da kann es auch heute noch Probleme geben, wenn sie schon vorhandene Gegebenheiten nicht akzeptieren können: Anfangs wird das Landleben romantisiert, bis man feststellt, dass Silo, Gülle und Mist vom Bauern stinken, dass Muhen der Kühe nerven kann und die Traktoren manchmal auch die Mittagsruhe stören. Beispiele dazu gibt es genug.
Auch der Blick in die Ortsgeschichte macht sehr deutlich, dass früher schon ein Unterschied im Dialekt offenbarte, ob jemand von außen zugezogen war. Nicht unwichtig war auch dessen Herkunft. Das konnten nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Heimatvertriebenen aus dem Osten Deutschlands zu Genüge erfahren. Man machte schon Unterschiede, auch in Bezug auf andere Glaubenskonfessionen, wie die „Lutherschen“. So nannte man hier in plumper Weise die Neubürger der protestantischen Konfession, denn im kurkölnischen Sauerland haben noch heute die Katholiken die Oberhand.
Theodor Diekmann, der Landmesser
Ein gutes Beispiel dafür, wie man als Buiterling zu forsch auftreten und damit einen ordentlichen Streit mit den Dorfoberen vom Zaun brechen kann, zeigt eine Begebenheit, die sich in Eslohe in den Jahren um 1911/12 ereignete. Die Geschichte handelt von einem Landmesser (Feldvermesser oder Geometer), namens Theodor Diekmann, der in Eslohe Fuß fassen und ein Teil der dörflichen Gemeinschaft sein wollte. Dabei scheint es dem guten Mann nicht bewusst gewesen zu sein, dass er einiges was sich im beschaulichen Dorf Eslohe ereignete, doch aus einem anderen Blickwinkel betrachtete. Sein Denken ließ sich offensichtlich nicht mit allen Bewohnern des Dorfes vereinbaren. Denn diese hatten ein gewachsenes und ziemlich einheitliches, selten kontroverses Denken zu Politik und Kirche. Man könnte auch freundlicherweise von einer traditionellen Harmonie im Dorf sprechen. Diekmann unterschätzte offensichtlich auch die Autorität der Lokalpolitik und die Dominanz des Kirchenvorstandes und des Pfarrers Johannes Dornseiffers, indem er Kritik zu äußern wagte, zu Dingen, die ihn nach ihrer Meinung nichts angingen.
Die Esloher Honoratioren um 1910:
Bildbeschreibung:
Esloher Honoratioren bei der Auflösung der Amtsvertretung in Eslohe am 7. Mai 1919 (Ende des Kaiserreichs). An diesem Tag entstand diese historische Aufnahme:
1. Reihe, sitzend vlnr: Püttmann, Gemeindevorsteher von Eslohe; Habbel, Amtsverordneter für Cobbenrode; Groneck, Amtmann von Eslohe; Ferdinand Gabriel, Amtsverordneter von Eslohe; 2. Reihe, stehend vlnr: Fredebeil, Amtsverordneter für Reiste; Blöink, Gemeindevorsteher von Cobbenrode; Altbrod, Amtsverordneter für Wenholthausen; Hoffmann-Weile, Amtsverordneter für Eslohe; Wilhelm Gabriel, 1. Amtsbeigeordneter; Schulte-Bock, Gemeindevorsteher von Wenholthausen
Ein guter Anfang, aber dann…
Eigentlich hatte es Theodor Diekmann mit dem Fußfassen im Dorf zu Anfang klug eingefädelt, indem er dem Esloher Ortsverein des SGV (Sauerländischer Gebirgsverein) beitrat und sich ehrenamtlich engagierte. Der 1891 erstmals gegründete Verein wurde für ihn zum „Türöffner“, um in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu sein. Sein agiles Auftreten führte letztlich dazu, dass er 1910 den Vorsitz des mit angesehenen Esloher Männern besetzten SGV-Vorstandes übernahm. Immerhin waren die Herren Wilhelm Gabriel, Apotheker Wilhelm Kohlschein und Amtmann Groneck Vorstandsmitglieder und akzeptierten offensichtlich den forsch auftretenden Neubürger. Diekmann trumpfte auch mit neuen Ideen auf: Er schlug vor, einen Wintersportclub zu gründen, der zur Hebung des Fremdenverkehrs einen Beitrag leisten könne und ließ seine Idee sogleich auch im „Gebirgsboten“ vom März 1910 verbreiten (02).
Den Bogen überspannte er schon im folgenden Jahr, indem er wagte, in einem Rundumschlag öffentlich heftige Kritik am Esloher Gemeinderat, als auch am Kirchenvorstand zu äußern. Der Zorn der örtlichen Gremien war ihm sicher, auch weil Diekmann wiederholt eine Gazette bemühte. Diesmal war es die erst 65ste und vermutlich letzte Ausgabe des „Sauerländer“ in Eslohe, die er zu nutzen wusste, um seine Missbilligungen öffentlich zu machen. Im Oktober 1911 musste der Druck dieses Ortsblattes wegen Konkurs seines Herausgebers namens Fusangel eingestellt werden (03).
Leider ist der Text der Botschaft, die Diekmann an die Entscheider in den Gremien des Dorfes öffentlich wirksam richtete nicht ad acta gelegt worden. Die Antwort des Kirchenvorstandes, die nicht lange auf sich warten ließ, lässt aber erahnen, dass der Landmesser sich ordentlich im Ton vergriffen hatte. Das wurde als Angriff auf die Autorität des Kirchengremiums gedeutet, welches nun auch am 19. Oktober 1911 den Weg an die Öffentlichkeit über einen Leserbrief in der Mescheder Zeitung (04) wählte.

Das bist du und das sind wir

Dabei ging der Verfasser, vermutlich Pfarrer Dornseiffer selbst, nicht zimperlich mit Diekmann ins Gericht und spricht ihm die Zugehörigkeit zur dörflichen Gemeinschaft mit deutlichen Worten ab. Im Sinne von „Das bist du und das sind wir“, wurden harsche Worte formuliert:
„Der Herr „importatus“, wie er sich selber nennt, - d.h. Fremder, Auswärtiger, Zugezogener, kein bürgerlicher Esloher. Nur dienstweilig anwesend, der zu jeder Zeit abberufen werden kann; ein Mann, der allgemein als unkirchlich bezeichnet wird, der bemüht ist, seine destruktiven (= zerstörenden) Ideen unter die Leute zu bringen, ein „Drei-Punkte-Bruder“, etc., etc., dieser Herr maßt sich an, den Oberprokurator über die katholische Kirchengemeinde spielen zu wollen und ihr Direktiven vorzuschreiben…“ und weiter: „Der Kirchenvorstand ist eine gesetzliche Organisation; er besteht nicht aus Kindern oder unreifen Jünglingen, sondern aus bejahrten und erprobten Männern.“
Das war deutlich und vielsagend, aber erst der Anfang des abstrafenden Briefinhaltes.
Keine Protestanten auf einen katholischen Friedhof
Die Hauptforderung von Theodor Diekmanns war, dass ein Gemeindefriedhof in Eslohe eingerichtet werden sollte. Der im Dorf vorhandene Friedhof an der Kupferstraße mit den Gräbern verstorbener Katholiken war erst 1874 nach Kauf vom Bauern Eickhoff gnt. Störmann durch die Katholische Kirchengemeinde erschlossen worden (05). Diekmann gehörte zu den „Lutherschen“ und forderte eine Begräbnisstelle für alle Konfessionen. Das war damals undenkbar und traf erwartungsgemäß auf heftige Ablehnung: „Unser Friedhof ist ein christlicher, ein konfessioneller, aber kein kommunaler. Die Protestanten, „die 20 Kilometer weit fort transportiert werden“, gehören ordnungsgemäß an das evangelische Pfarramt in Meschede…“ Pfarrer Dornseiffer war weit entfernt von ökumenischen Gedanken, was bereits ein Jahr nach seiner Ernennung zum Pfarrer in Eslohe zum Ausdruck kam: Am 26.04.1887 lehnte er als katholischer Schulvorstand das Ersuchen des Presbyteriums der evangelischen Gemeinde in Meschede kategorisch ab, ein Schulzimmer zur Abhaltung des Gottesdienstes der evangelischen Bürger in Eslohe zur Verfügung zu stellen. Dornseiffer verwies auf die Räumlichkeit im Amtshause, da seines Wissens auch die Ehefrau des Amtmann Schlüter dem „evangelischen Bekenntnisse“ angehöre (06).
Das schwere Verbrechen
Angeblich habe Theodor Diekmann es als ein „schweres Verbrechen“ angesehen, dass Tannen vom hiesigen Kirchhofe entfernt worden sind. Schon im vorangegangenen Februar hatte er eine als „Sturmschreiben“ bezeichnete Schrift an die Kirchengemeinde mitunterzeichnet, in der man sich gegen die angekündigte Beseitigung der Bäume gewendet hatte. Nun wehrte sich der Kirchenvorstand erneut gegen die Vorwürfe: „Waren diese Tannen vielleicht Zierpflanzen oder junge Bäumchen? Oh nein, es waren dicke schwere Waldbäume, die 35 Jahre in einem Nährboden gestanden, wie er besser nicht sein kann …“ Und es wurde nochmals die Sachlage erklärt, dass durch die starke Entwicklung der Wurzeln das Grabmachen behindert und durch starke Beschattung auch die Grundstücke der Nachbarn Schaden zugefügt werde.
Diekmann hatte sich auch darüber entrüstet, dass eine im Esloher Krankenhaus verstorbene Frau aus Cobbenrode, die zehn Jahre lang im Spital gewohnt habe, in ihrem Heimatdorf und nicht in Eslohe hätte begraben werden müssen. Da die Angelegenheit einvernehmlich mit den Angehörigen geklärt gewesen und mit freundlichem Händedruck geschlichtet gewesen sei, so wurde ihm jetzt entgegnet, wäre für den Kirchenvorstand – der zudem einen Beschluss darüber gefasst hatte – die Sache erledigt: „Wo ist denn nur das Ungeheuerliche? Dem Herrn importatus ist ein Export seiner Weisheit entschieden abzuraten, sonst kann man sich die Finger verbrennen.“
Zur letzten Ruhe auf einem Erntewagen

Noch ein weiterer Beschwerdegrund Diekmanns wurde abgewiesen: „Dem zartfühligen Herrn wird es nicht gefallen, dass man die Särge auf Leiterwagen zum Kirchhof fahre. In Eslohe werden die Leichen von den Nachbarn getragen; so ist es uralter Brauch. Kirchenvorstand hat aber nichts dagegen, wenn man hier und in den Filialen einen Leichenwagen anschafft. Ganz wie es beliebt. Sollten die Augen des Kritikasters sich noch in Eslohe gottselig schließen, dann wäre es angebracht, wenn er früh genug es testamentarisch festlegt, dass ihm zu Ehren der Leichenwagen von Fretter herbeigeholt wird. – Vielleicht gibt es bis dahin schon Krematorien! Unser Hexenplatz eignet sich vorzüglich dazu.“
Das ist schon Sarkasmus in Reinform mit verletzendem Spott und voller Hohn, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit noch von der katholischen Kirche die Feuerbestattung geächtet war. Denjenigen wurde ein kirchliches Begräbnis versagt, die Sterbesakramente nicht gespendet und die Applikation der Hl. Messe nicht öffentlich durchgeführt (07).
Landmesser Diekmann hatte noch weitere Anwürfe ausgesprochen, auf die der Kirchenvorstand nicht eingehen, aber nach wie vor fest und unentwegt seines Amtes walten wolle, nach Gesetz und Satzung, nach Recht und Gewissen. Die Gegendarstellung vom 19. Oktober 1911 endete mit der Aufzählung des gesammelten Kirchenvorstandes: Dornseiffer als Pfarrer und die Beisitzer Franz Poggel, Johannes Molitor, Josef Keggenhoff, Anton Hoffmann, Friedrich Scheele, Josef Wiese und Caspar Schulte.
Diekmann droht mit „anderer Instanz“
Die als Berichtigung bezeichnete Antwort des Theodor Diekmann folgte bereits am 2. November 1911 (08). Darin bezeichnete er es als unwahr, er huldige destruktiven Ideen. Auch sei unwahr, dass er diese unter die Leute bringe, dass er sich angemaßt hätte, den Oberprokurator spielen und Direktiven vorschreiben zu wollen. Er hätte mit seiner Erwähnung der „Tannenaffäre“ zeigen wollen, dass sich der Kirchenvorstand über den einstimmigen Wunsch der gesamten Einwohnerschaft Eslohes hinweggesetzt hätte. Er selbst habe in Eslohe Särge mit Leichen auf Bretterwagen transportieren gesehen (09). Die Särge seien nicht getragen worden. Es sei unwahr, dass er sich mit der Veröffentlichung seiner Anwürfe etwas zu Schulden kommen gelassen habe und schließt mit dem Hinweis: „Auf die persönlichen Beleidigungen vor aller Öffentlichkeit zu erwidern, verträgt sich nicht mit meiner Ehre, deren Schutz in diesem Falle eine andere Instanz in die Hand nehmen wird.“
Alles politisch motiviert?
Unklar ist, ob die Auseinandersetzung zwischen Diekmann und Kirchenvorstand einen politischen Hintergrund hatte. In diesem Kontext ist zu sehen, dass am 12. Januar 1912 die Reichstagswahl zum 13. Deutschen Reichstag stattfand. Es war die letzte Wahl des Reichstags vor dem Ersten Weltkrieg und die letzte im Deutschen Kaiserreich überhaupt. Theodor Diekmann war Sozialdemokrat und auch in dieser Hinsicht in Eslohe ein Außenseiter. Hierzulande fanden sich fast nur Anhänger der Deutschen Zentrumspartei (10). Sie war die Partei der Katholiken und des politischen Katholizismus, die ihre Anhänger weniger in den stark protestantisch dominierten Landesteilen hatte.
Vermutlich war es politisches Kalkül von Diekmann, sich kritisch in die dörflichen Belange einzumischen. Seine Aktivitäten bezüglich Wahlwerbung zur Reichstagswahl wurden im Ort kritisch beäugt. Auch Pfarrer Dornseiffer thematisierte das Anfang Januar 1912 in seinen Aufzeichnungen. Am 10ten trugen zwei Sozialdemokraten Flugblätter herum, die in die Briefkästen geworfen wurden und „im Küsterhause hat man den Küster und Lehrer belästigt.“ Am Wahltag 12. Januar habe Diekmann für den Eisenbahnsekretär Müller in Arnsberg Zettel verteilt und „nahm die Zettel für Becker (?) aus den Lokalitäten der Post weg, bis man zwei Mann zur Abwehr hingestellt hatte“ (11).
Die Stimmenzahl für die Zentrumspartei in Eslohe war vorhersehbar hoch. Doch die SPD wurde eindeutiger Wahlsieger in Deutschland mit einem Stimmenanteil, so hoch wie es noch nie zuvor eine Partei bei Reichstagswahlen erreicht hatte. Die Erkenntnis: Die Uhren tickten in Eslohe noch nicht so schnell wie es der Zeitgeist bereits tat.
Theodor Diekmann war kein „richtiger Esloher“. Er war, so wie Dornseiffer es beschrieb, nur „dienstweilig“ anwesend. In Laufe des Jahres 1912 wurde er nach Elberfeld versetzt (12). Ob er abberufen wurde oder freiwillig Eslohe verließ, ist nicht überliefert. Als ziemlich sicher steht fest, dass wegen ihm keine Träne des Abschieds vergossen wurde.
Anmerkungen und Hinweise
01. WOLL-Magazin: Ausgabe vom April 2020: Michael Martin erklärt in seinem Wörterbuch „Wem hörsse?“
02. Esloher Forschungen Teil II Seite 549 „Der Sauerländische Gebirgsverein“ von Alfred Bruns
03. Raimund J. Quiter: „Johannes Dornseiffer“, Seite 359: Einblicke in sein Tagebuch vom 26.10.1911
04. Ausgabe der Mescheder Zeitung Nr. 125 vom 23. Oktober 1911, zugänglich über die Internet-Plattform: www.zeitpunkt.nrw
05. Esloher Museumsnachrichten 2024, Seite 76 „Der alte Friedhof in Eslohe“ von D. Galle-Eickhoff
06. Esloher Forschungen Teil I Seite 199 über die evangelische Gemeinde Meschede
07. Die Regeln des Hl. Stuhls, die Feuerbestattung betreffend, wurde in mehreren Erlassen bestimmt und die Schlüsse daraus für die katholischen Christen durch Veröffentlichungen in der Presse bekanntgegeben. So auch in der Mescheder Zeitung am 6. Oktober 1911.
08. Gegendarstellung „Berichtigung“ von Th. Diekmann in der Ausgabe 131 der Mescheder Zeitung vom 6. November 1911
09. Der Einlass von Diekmann ist nicht zu verstehen, da man früher auf den Transport mit Pferden aus den benachbarten Dörfern des Kirchspiels angewiesen war. Der Einsatz der von den Bauern genutzten Erntewagen für den Leichentransport war in Ermangelung eines respektablen Leichenwagens eher die Regel als eine Ausnahme. Siehe dazu auch meine nachfolgende Schilderung „Damals: Vom Sterben bis zur Beisetzung“
10. Die Zentrumsparteil hatte ihre größte Bedeutung in der Zeit von 1871 bis 1933, zur Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik.
11. Raimund J. Quiter: „Johannes Dornseiffer“, Seite 361: Einblicke in sein Tagebuch vom 10. bis 12.01.1912
12. Esloher Forschungen Teil II Seite 549 „Der Sauerländische Gebirgsverein“ von Alfred Bruns
Früher starben die Menschen meistens in ihrem vertrauten Umfeld, weniger im Spital. Es war üblich, dass der Verstorbene im Sterbebett verblieb, nachdem unmittelbar nach dem letzten Atemzug die Fenster geöffnet wurden. Es besteht die alte Weisheit, dass dadurch die Seele des Toten den Raum verlassen und ihren Weg ins Jenseits finden kann. Wenn der Sarg beim Schreiner bestellt und von diesem geliefert wurde, konnte der Leichnam im Hause aufgebahrt werden. Meistens wurde dieser in der Wohnstube des Hauses aufgestellt. Zur Aufbahrung war das Zimmer mit Blumen, Kerzen und Bildern des Verstorbenen geschmückt. Die Nacht verbrachte man mit stillem Gebet, Wachen und Gedenken. Es wurde die „Totenwache“ gehalten, an der sich neben den Angehörigen der Familie auch die Nachbarn beteiligten und abwechselten, denn die Dauer der Totenwache war nicht auf eine Nacht beschränkt. Sie konnte sich über mehrere Tage hinziehen, vom Eintritt des Todes bis zum Zeitpunkt der Beerdigung.

Am Tag der Beerdigung wurde der Sarg geschlossen. In den umliegenden Dörfern der Kirchengemeinde mussten die Trauernden mit dem Leichnam zum Friedhof des Pfarrortes fahren. Der Sarg wurde dann üblicherweise in Ermangelung eines Leichenwagens auf einen schlichten Leiterwagen gesetzt. Dieser stand als Erntewagen auf den Höfen überall bereit. Der mit Tannengrün oder Eichenlaub geschmückte Wagen wurde mit den Arbeitspferden zum Kirchhof gezogen, begleitet von den trauernden Menschen, die Gebete für den Verstorbenen sprachen.
An der Pfarrkirche angekommen, wurde oft erst eine Trauermesse vom Geistlichen zelebriert, wobei der Sarg vor den Altar stand. Dann folgte die Beerdigung auf dem Friedhof, der vielerorts direkt am Kirchhof angrenzte. So auch in Eslohe in früherer Zeit, bis es 1874 notwendig wurde, diesen an der Kupferstraße, zwischen der Pfarrkirche und Niedereslohe neu einzurichten. Der Platz wird heute als der „Alte Friedhof“ bezeichnet und ist Teil des Kurparks auf dem die Ehrenmäler für die in den Weltkriegen gefallenen Soldaten sowie noch einige verwitterte Grabsteine zu finden sind.
Wie es in vielen Lebensbereichen ist, werden und wurden auch bei Beerdigungen die standesgemäßen Unterschiede erkennbar, zu denen sich der Verstorbene zu seinen Lebzeiten zählte. So war es Gang und Gäbe, dass die Besitzer größerer Höfe, die man auch Gutsbesitzer nannte, auch zu ihrer Beisetzung eine angemessene Ehrung erhielten, die sich in vielfältiger Weise zeigte. So wurde kein Bauerngespann zum Transport zum Friedhof, vielmehr ein respektabler Leichenwagen eingesetzt.
Der Verfasser kann aus eigenem Erleben berichten: Im Alter von zwölf Jahren wurde ich 1966 als Nachbarjunge zum Kreuzträger erkoren. Der Nachbar Heinrich Heymer, Besitzer des Schultenhofes in Sallinghausen, war unerwartet im Alter von 68 Jahren gestorben. Standesgemäß wurde sein Sarg auf einem schwarzen Leichenwagen nach Eslohe gefahren, gezogen von zwei rassigen Rappen in silberglänzendem Geschirr. Ich nahm neben Alfred Fuchs, der die Pferde im Zügel hielt, auf dem Kutschbock Platz. Es war ein unvergessliches Erlebnis für mich, wenn auch zu einem traurigen Anlass. Die Beisetzung erfolgte bereits auf dem Esloher Friedhof am Dornseifferweg.
Der von Pfarrer Dornseiffer bereits 1911 in seiner öffentlichen Darstellung erwähnte Leichenwagen aus Fretter, auf dem ich auch damals mit dem Sterbekreuz meines Nachbarn gesessen hatte, steht heute ziemlich unbeachtet im Archiv des DampfLandLeute- Museums in Eslohe. Eine Restaurierung dieses historisch wertvollen Fahrzeugs ist dringend erforderlich, will man dem gefräßigen Holzwurm zuvorkommen, der sich darin erkennbar seit langem sehr wohl fühlt. Vielleicht finden sich einsichtige Sponsoren, um der Erhaltung des Leichenwagens Vorschub zu leisten.
