Krieg und Frieden


"  SEID MENSCHEN  "      


 Margot Friedländer ist tot.

Sie starb am 9. Mai 2025 im Alter von 103 Jahren. Friedlich soll sie eingeschlafen sein, so friedlich wie sie von ihrem Wesen war und so friedlich wie sie ihre große Mission verfolgt hat. Sie, die als Jüdin einst dem Holocaust als eine der wenigen vom Nazi-Regime verfolgten jüdischen Menschen überlebte, hatte eine Mission, die sie stets mit unbändigen Lebenswillen verfolgt hat: Sie wollte als eine der letzten Zeitzeugen den Menschen von ihrem Schicksal berichten, von den Gräueltaten, die damals in den Konzentrationslagern geschahen. Ihre Überzeugung, dass sie mit ihren Erzählungen die Menschen erreichen und zum Guten beeinflussen kann im Sinne eines "Nie wieder!", hat ihr die Kraft gegeben, trotz ihrer vielfältigen Erkrankungen ihre Mission immer wieder weiterzuführen. 

Die Energie dieser von Statur kleinen und zierlichen Person war für jeden beeindruckend, der ihre Bekanntschaft machen durfte. 

Noch zwei Tage vor ihrem Tod, der für viele Menschen unerwartet kam und betroffen und traurig gemacht hat, hatte sie an einer Gedenkstunde zur Erinnerung an das Kriegsende vor 80 Jahren teilgenommen. Ihre mahnenden Worte, die sie zu diesem Anlass sprach, hat alle Anwesenden bewegt. Sie wurden nun zu ihrem Vermächtnis. Margot Friedländer sprach leise, aber eindringlich:

 

"Für Euch. Seid Menschen. Das ist es, was ich Euch bitte zu tun: Seid Menschen!"  


Vom Frieden müde?

 

Achtzig Jahre von 1945 bis 2025: Haben wir uns an den Frieden gewöhnt, sehen ihn als etwas Selbstverständliches?  „Die Völker waren des Friedens müde“, heißt es lakonisch in einer Nachlese zum Ersten Weltkrieg und was sich aus dieser Einstellung entwickelte ist seitdem in den Geschichtsbüchern zu lesen. Für den Frieden muss man kämpfen, aber nicht mit Waffen. Wir haben seit achtzig Jahren die optimalen Bedingungen, Frieden zu schaffen und zu erhalten: eine Kultur, in der Menschenrechte und Vielfalt geachtet, Teilhabe und Mitgefühl gelebt und Chancengleichheit und Gerechtigkeit gefördert werden. Waffen können keinen Frieden erzwingen, sie zerstören seine Grundlagen. Deshalb „widerstehe den Anfängen“! Es ist und war nach Ende des zweiten Weltkrieges ein Schlüsselzitat in der Erinnerung an die Verbrechen des Dritten Reichs. 

 

Mein redlicher Vorsatz

 

Das Thema „Krieg und Frieden“ zieht sich durch fast alle Geschichten, die ich recherchiert und in meinen Aufsätzen beschrieben habe. Jede Familienchronik kommt nicht daran vorbei, die Geschehnisse in Kriegszeiten und ihre Bedeutung für die Familie zu dokumentieren. 

Es ist für mich redlicher Vorsatz und Anliegen die historische Wahrheit in meinen Berichten und Aufsätzen zu vermitteln, also die Geschehnisse und das Leben der Menschen in der Vergangenheit wahrheitsgetreu darzustellen. Meine als Amateur-Historiker gewonnene Erkenntnisse sollen mithelfen, den Menschen der Gegenwart eine Richtschnur zu geben, vielleicht auch Mahnung sein. Vielleicht hilft es, ihr derzeitiges Dasein im Vergleich mit dem Vergangenen richtig zu gewichten und einzuordnen. So kann die Vergangenheit Mahnung, aber gleichsam auch Wegweiser sein!  

 


Nicht nur die Kriegsgeneration ist belastet

 

Es waren einschneidende Erlebnisse der Menschen im Krieg oder im Holocaust. Sie wurden für ihr Leben lang traumatisiert. Ihr verdrängtes und unerwünschtes Erinnern an besonders belastete Ereignisse wurden immer wieder durchlebt und äußerten sich oft - entsprechend ihrer Persönlichkeit -durch Angst- und Unruhezustände, Reizbarkeit oder Schlafstörungen. Darunter litten nicht allein die Betroffenen, oft auch ihr familiäres und berufliches Umfeld. 

 

Es wirkte durchaus hinein in die Nachkriegsgenerationen, die vom „transgenerationalen Traumata“, so nennen das die Forscher, betroffen sein können. Sie stellten fest, dass diese, auf die nachfolgenden Generationen übergreifenden Auswirkungen, nicht nur psychologischer, sondern auch familiärer, sozialer, kultureller, neurobiologischer und möglicherweise sogar genetischer Natur sein können. Es geht uns demnach alle an, sich dieser Thematik zu stellen und mit den Schicksalen unserer Väter auseinanderzusetzen. 

 

Die Sprachlosigkeit traumatisierter Menschen 

 

Hohle Blicke, Augen die stumm und starr ins Leere schauen: Das sehen wir beim Betrachten der Fotos von Soldaten, wie sie aus einem Krieg nach Hause zurückkehrten. Viele dieser Heimkehrer waren noch viele Jahre danach außerstande, davon zu erzählen, was sie erlebt haben. War es ihre Wut, ihre Hilflosigkeit oder ihrem Entsetzen darüber, was sie sprachlos machte? Was sie in ihrem Inneren empfanden, konnten viele nicht mit ihrer Sprache ausdrücken oder wollten das nicht mit anderen teilen. 

Als die Alliierten nach Ende des zweiten Weltkrieges die überlebenden Insassen aus den Konzentrationslagern befreiten, sahen sie schreckliche Dinge. Zu diesem Zeitpunkt, aber auch später, fanden selbst die abgebrühtesten Soldaten und die befreiten Insassen selber keine Worte, um all das zu beschreiben was für sie sichtbar wurde. Es blieben nur quälende Bilder, die immer wieder als Albträume in ihren Sinn zurückkehrten. 

Nur wenige sahen sich imstande, das was sie empfanden, in Worte auszudrücken. Denn wenn das Erlebte weit außerhalb jeglicher Norm ist, gibt es hierfür auch keine Sprache. 

Doch im Laufe der Zeit entwickeln die meisten traumatischen Menschen eine Version ihrer Geschichte, die sie preisgeben konnten und verschwiegen dennoch, was sich wirklich zugetragen hat. Die Erinnerung wurde in ihren Erzählungen verklärt; mit Nebel umhüllt zum eigenen Schutz.  


Das Schreiben als Therapie

 

Eine andere Art der Vergangenheitsbewältigung kann das Schreiben sein. Für viele ist das Offenbaren seiner Gedanken durch ein Gespräch mit vertrauten Menschen ein großes Überwinden. Das Niederschreiben der Gedanken und Erfahrungen ist ein psychologischer Aufarbeitungsprozess, erfordert salopp gesagt ein Einweichen verhärteter Gedankenstruktur, die zum eigenen Schutz aufgebaut wurde. Es hat aber auch einen pädagogischen Kontext der Auseinandersetzung mit dem Vergangenen, das erst durch das Schreiben verstanden und verarbeitet wird. Es ist also eine behutsame Form der Eigentherapie, Gedanken zu sortieren und realisieren, was über einen langen Zeitraum verläuft. Die Worte, die nicht ausgesprochen werden, finden so Stück für Stück den Weg auf das Papier. Dazu gibt es Beispiele.

 

Das Kriegstagebuch des Gefreiten Albert Quinkert

Diesen Aufarbeitungsprozess des eigenen Erlebens wählte Albert Quinkert aus Eslohe (1896 – 1976). Seine Kriegserfahrungen im Ersten Weltkrieg, die er als Gefreiter aktiv auf dem Schlachtfeld machte, fanden Eingang in einen „Wälzer“, eine über 700 Seiten umfassende Buchausgabe, die nunmehr bereits in einer zweiten Auflage vorhanden ist und großen Zuspruch aber auch Betroffenheit in der Leserschaft findet. 

Albert Quinkert, so scheint es, ahnte schon während der mehrjährigen Soldatenzeit, dass er Teilhabe nahm an einer historischen Zeit. An sein Überleben muss er nicht gezweifelt, das mögliche Sterben verdrängt haben. Fast täglich machte er Notizen über das Geschehen, das eigene Erleben. Von seiner Einberufung bis zur Entlassung im Januar 1919 entstand so ein authentisches Gesamtbild, eine realistische und ehrliche Darstellung, ohne Verfälschungen oder künstliche Inszenierungen. Das spiegelt sich in seiner, als Kriegstagebuch bezeichneten Zusammenfassung wider, die Albert Quinkert nach Kriegsende in einer handschriftlich verfassten Urschrift niederschrieb. Er betrachtete es weniger als seine Pflicht als Biograf, der Zeuge einer besonderen Epoche in der Weltgeschichte war. Er tat es im Sinne einer Reflexion über das eigene Leben, zu seiner eigenen, ganz persönlichen Vergangenheitsbewältigung. 



Das Tagebuch vom Musketier Heinrich Heymer

 

 

Der Nachbar Heinrich Heymer aus Sallinghausen (1898 - 1966) ist gleichermaßen ein Beispiel dafür, wie ein heimgekehrter Kriegsveteran für sich einen Weg zur Bewältigung seiner schlimmen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg suchte. 

Eher lückenhaft hatte er sein „Tagebuch“ geführt, es ist eher als ein Erlebnisprotokoll zu betrachten. Er schrieb es später aus dem Gedächtnis nieder, fand er doch erst nach Ablauf der für ihn schwierigen und prägenden Lebensphase und im zeitlichen Abstand die Kraft, mit Papier und Schreibstift das Erlebte niederzuschreiben.

 

Seine Aufzeichnungen beginnen mit dem Tag wo erstmals die Bekanntgabe der Mobilmachung als Aushang im Dorf zu lesen war. Er schildert die anfängliche Euphorie aber auch die harte Ernüchterung nachdem das Blatt sich wendete. 

 

Er selbst war zu Beginn des Krieges erst sechszehn Jahre alt, also fast noch ein Kind. Seine Eltern waren froh, über die Tatsache, dass ihr Sohn noch nicht im wehrfähigen Alter stand und sie rechneten, wie so viele Deutsche, mit einem schnellen Sieg und einem raschen Ende der Kampfhandlungen. Doch es sollte anders kommen, denn bereits zwei Jahre später wird Heinrich, nun 18 Jahre alt, wie er später schreibt „gerade passend zur Verdun-Front“ eingezogen.

 

 

Sachlicher und emotionsloser kann man dieses, für ihn einschneidende Lebensereignis nicht dokumentieren. Ist der Chronist Heymer in weitem Feld seiner Beschreibungen im Detail sehr freudig und ausschweifend, umso mehr ist er bemüht, die ihn bewegenden und sicher nachhaltig traumatisierenden Erlebnisse an der Front nicht preiszugeben. 


Hat Heinrich wie viele andere, das Schreiben als eine Art Befreiung gesehen und dazu benutzt, die schrecklichen und unbegreiflichen Ereignisse in der Verdun-Schlacht für sich seelisch zu verarbeiten? Sicher, Heinrich ist einer derer, die das Glück hatten, körperlich unversehrt aus diesem Krieg in seine geliebte Heimat zurück zu kehren. Doch keiner kehrt aus dem Krieg so zurück wie er gegangen war. Die Ereignisse von Verdun haben Heinrich Heymer für sein weiteres Leben geprägt und sein Denken beeinflusst. In welcher Weise er damit umzugehen wusste, bleibt sein Geheimnis. Dennoch ahnten Eingeweihte, dass seine ungezählten Streifzüge durch Wald und Wiese nicht nur seiner ausgeprägten Liebe zur Natur Ausdruck verliehen, sie halfen ihm auch dabei seine Gedanken zu ordnen.  

 


Die Erinnerungskultur nach dem Ersten Weltkrieg


Sie wird auch Geschichtspflege genannt und bezeichnet den Umgang einer Gesellschaft bzw. jeden Einzelnen mit seiner Vergangenheit und Geschichte. Sie umfasst die kollektive und individuelle Erinnerung an historische Ereignisse, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) geschah. Noch wüteten die Kämpfe, bei denen zahlreiche Soldaten fielen und der Ausgang der kriegerischen Auseinandersetzungen war noch nicht klar:  Da machten sich bereits in Deutschland Gedanken breit über die Verehrung ihrer geopferten Krieger. Das besagt ein vielsagendes Zitat aus dem Kriegsjahr 1916 und gibt die damalige Einstellung dazu wieder: 

 

„Die Denkmäler sollen das Gedächtnis der gefallenen Opfer des Völkerringens über die Jahrhunderte hinaus würdig erhalten und den künftigen Geschlechtern ein dauerndes Zeichen deutscher Gesinnung und deutschen Geistes bleiben. Die edle Lösung dieser Kulturaufgabe ist der schönste Dank, den die Lebenden ihren verewigten Helden darzubringen vermögen.”

 

Ehren – Erinnern – Mahnen

 

Als am 11.11.1918 endlich die Waffen schwiegen, hatte das deutsche Volk die größte militärische Niederlage ihrer Geschichte erfahren müssen. Sie hatte nicht nur den Sturz des Kaisertums ausgelöst, viele seelische Narben waren zu kitten. Die Demütigungen der Siegermächte führten in großen Teilen der Bevölkerung zur Demoralisierung. Der Schock saß tief in den Köpfen, dass das so berühmte deutsche Heer diese herbe Niederlage erfahren musste. Unbeantwortete Fragen standen im Raum: 

 

- Wofür waren sie gefallen, die teils blutjungen Soldaten, die mit kindlicher Zuversicht dem Krieg begegneten? 

- Wie tröstet man Vater und Mutter, wenn der Sohn im Felde bleibt? 

- Wie erklärt man es den zurück gelassenen Kindern, dass ihr Vater nicht mehr heimkommt? 

- Sollten sie wohlmöglich umsonst gefallen sein? 

 

Vor diesem Hintergrund muss heute verstanden werden, dass die Glorifizierung der Gefallenen und Vermissten die einzige Antwort der Öffentlichkeit war. Ein Kriegerdenkmal errichten, egal wie man es bezeichnen will, als ein Ehrenmal oder Mahnmal: Sie schossen in den Nachkriegsjahren wie Pilze aus dem Boden. Die so schändlich betrogenen und ihrer Zukunft beraubten wurden zu Helden stilisiert, die für Volk und Vaterland den Tod fanden. Die es geschafft hatten, halbwegs unversehrt aus dem Felde zurückzukehren, wurden hoch dekoriert, Witwen mit Orden geschmückt. Es war ein hilfloser Versuch des zerbrochenen Staates, die Bevölkerung moralisch wieder aufzurichten.


Aus der Vergangenheit lernen:

Mahnmale sind geeignete Objekte

(Grundlage ist mein Aufsatz aus dem November 1992 im damaligen Homert-Kurier anlässlich der Verlegung des Esloher Kriegerdenkmals)

Sie stehen noch heute, die heroischen Zeugen eines ungeliebten geschichtlichen Abschnittes aus deutscher Vergangenheit. Betrachten wir sie aber als ,,Mahnmal", denn als solche wurden sie damals wohl kaum gesehen, als der Esloher Kriegerverein 1924 für die Gefallenen ein Denkmal beauftragte und es, angelehnt an die Esloher Pfarrkirche Sankt Peter und Paul, aufrichten ließ. Bereits am 25.09.1921 hatte man in Obersalwey einen geeigneten Platz oberhalb des Dorfes gefunden, wo man ein Ehrenmal errichtete und an neun Gefallene bzw. Vermisste auf diese Weise erinnerte. 

Allen Vorsätzen zu Trotz: Aus den schlimmen Erfahrungen hat man nicht gelernt. Viel zu schnell war das deutsche Volk wieder bereit in einen neuen, noch viel schrecklicheren Krieg aktiv einzutreten. Das grausame Ergebnis füllt seitdem jedes Geschichtsbuch, ist Thema unzähliger Bücher und Verfilmungen. Es kann nicht genug daran erinnert werden, welches unsagbares Unheil durch eine arrogante und ideologisch verklärte Politik einem Volk angetan werden kann. 

 

1992 erfolgte die Umsetzung des Esloher Kriegerdenkmals

Am Sonntag, dem 15.11.1992, wurde das Esloher Kriegerdenkmal von 1924 erneut eingeweiht. Es war einer gründlichen Restaurierung unterzogen worden und fand nun, vormals mit Standort an der Pfarrkirche, einen neuen Platz auf dem alten Friedhof im Kurpark. Nicht jeder Zeitgenosse sah das mit Freude und dafür gab es auch Gründe, so wie sie Peter Bürger aus Eslohe Monate voraus in einem Beitrag im Homert-Kurier geschildert hatte. Auch wenn mit einigen Kosten restauriert wurde, viele sahen in der Verlegung eine „Ausmusterung“ des Denkmals, so als wenn man ein nicht mehr gebrauchtes Kleidungsstück in die Altkleidersammlung geben würde. Doch man hat sich schnell an den neuen Standort des Denkmals gewöhnt, schon bald verstummten die kritischen Stimmen.  

 

Der jetzige Standort der Esloher Mahnmale für die Gefallenen beider Weltkriege ist gut gewählt. Unweit vom Schulzentrum entfernt, bieten sie Gelegenheit für Lehrer und Schüler einen anschaulichen Geschichts- oder Heimatkundeunterricht durchzuführen. Denn schon immer gilt: Geschichte wird greifbarer durch das, was man anfassen kann. Es ist an der Zeit, begreifbar zu machen, dass Krieg nicht Videospiel und Kinoleinwand, vielmehr schreckliche Realität war und auch heute tagtäglich noch ist. Es starben keine Helden auf dem Feld der Ehre. Es waren auch keine Rambos, keine der zahlreichen Serien-Helden, die tagtäglich über die Bildschirme in die Kinderzimmer falsche Vorstellungen und Gewaltverherrlichung verbreiten.

 

Deshalb sollen die vielen Namen auf den nach beiden Weltkriegen geschaffenen Monumenten mahnen. Hinter jedem Namen eines gefallenen oder vermissten Soldaten stehen persönliche und familiäre Schicksale, die längst in Vergessenheit geraten sind, es sei denn, sie sind durch Erzählung der Nachwelt in Erinnerung geblieben.

 

Das Esloher Kriegerdenkmal auf dem alten Friedhof an der Kupferstraße, umgesetzt von der Pfarrkirche im Jahr 1992


Warum erinnern und immer wieder mahnen? 

 

Neulich stand es in der Zeitung: Ein Großteil der Bevölkerung will nichts mehr wissen von dem was einmal war und viele sehen es nicht mehr  als begründet an, die Erzählungen und die kollektiven Erinnerungen an die  Schrecken und Verbrechen der Nationalsozialisten im Dritten Reich immer wieder aufzufrischen. Da zeigt es sich:  

Unsere derzeitige Gesellschaft hat kaum noch einen Bezug zum Thema Krieg. Doch wer den Krieg nicht kennt, der weiß den Frieden und dessen Bedeutung nicht genügend wertzuschätzen. Da hilft eine öffentliche Auseinandersetzung mit den historischen Kriegsereignissen durch mündliche oder literarische Überlieferung. Es hätte sich eine Erzählkultur entwickeln müssen, die aus den tiefgreifenden Erlebnissen der Kriegsgeneration entstand und die sich kritisch und offen mit den weitreichenden Themen von Krieg und Frieden befasste.

Ein Pazifismus nutzt wenig, wenn er nicht die Kraft zur Aufarbeitung der Geschehen hat, die er im Grunde doch ablehnt. 

 

Vieles ist in dieser Hinsicht versäumt worden und so ist es heute das kollektive Vergessen historischer Irrwege, insbesondere die der Zeit ab 1933, die unsere Gesellschaft in großen Teilen nicht verinnerlich hat. Das Bewusstsein dafür wurde nur unzureichend geprägt, da die Verdrängungsmechanismen, die seit der Nachkriegszeit erfolgreich wirkten, eine nachhaltige Aufarbeitung dieser Irrwege behinderten. Wohl begründet auch das die politische Zuwendung eines Teils der Bevölkerung nach Parteien, die historisch belegte und nachgewiesene Fakten leugnen und in das Reich der Fabel verweisen. 

 

Hier erweist sich der alte deutsche Spruch: „Unwissenheit macht dumm“ (Ignorance makes one stupid). 

Dazu passt auch der Satz des Satirikers Erich Kästner: 

„Wer vergisst was schön war, wird böse, - wer vergisst was schlimm war, wird dumm.“ 


Entstanden aus stolz und Patriotismus:

Der Kriegerverein in Eslohe 

Stolz und Patriotismus sind eng miteinander verbunden, wobei Patriotismus oft als Ausdruck von Stolz auf das eigene Land, seine Kultur, Geschichte und Leistungen verstanden wird. Gesunder Patriotismus kann sich in einer positiven Verbundenheit mit dem Land zeigen, z.B. an nationalen Feiertagen. Allerdings kann Patriotismus auch negativ ausgelegt werden, wenn er in Nationalismus übergeht, also wenn er die Leistungen anderer Nationen missachtet oder sogar andere Völker als minderwertig betrachtet. Was war der Auslöser, dass sich in Eslohe Männer zu einem Kriegerverein verbanden?

 

Um 1870 gründete sich in Eslohe der Kriegerverein. Die Begründer waren nicht nur Esloher Bürger, auch Kückelheimer, Nieder- und Obersalweyer, bezogen auf das Ausdehnungsgebietes des damaligen Kirchspiels Eslohe, dem diese Orte zugehörig waren. Vereinszweck war, die patriotische Gesinnung zu fördern, aber auch „Mitgliedern des Vereins, welche der Hülfe bedürftig werden sollten und deren würdig sind, nach Kräften zu unterstützen“. Auch die Geselligkeit untereinander sollte der Verein fördern. 

 

Die Hintergründe:  

Das Ehrenmal oberhalb von Obersalwey, gewidmet den gefallenen und vermissten Kriegern des Dorfes beider Weltkriege
Das Ehrenmal oberhalb von Obersalwey, gewidmet den gefallenen und vermissten Kriegern des Dorfes beider Weltkriege

Noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, als der katholische Teil des Sauerlandes erst unter hessische und dann preußische Landesherrschaft kam, behagte den Bewohnern die neue Pflicht zum „Soldatsein“ nicht und es kam zu massenhaften Desertionen. Der Sinn für alles Militärische und Patriotische musste erst geweckt werden. Diesem Ansinnen nahmen sich die ersten Kriegervereine an. Aber erst nach dem erfolgreich geendeten Feldzug gegen den Erzfeind Frankreich 1870/71 erstarkten die Kriegervereine und vaterländischer Stolz über den Sieg entfachte eine zuvor nicht gekannte Euphorie, die nicht nur in Eslohe zur Neugründung eines Kriegervereins führte. 

 

65 Mitglieder zählte der Verein schon kurz nach seiner Gründung. Dazu gehörten nicht nur die Kriegsveteranen um Hauptmann Franz Schneider, der als Triebfeder in Erscheinung trat. Ihre Heldensagen und Erzählungen waren dazu angetan, auch junge Menschen zu begeistern, die noch nie in Soldatenstiefeln gesteckt hatten. Ein Übriges tat dann die im September 1871 in Eslohe von der Gemeinde ausgerichtete Siegesfeier, zu dessen Gelingen der Kriegerverein beitrug. 

 

Die Stimmung wechselte

 

Noch vielzählige Kriegerfeste, stimmungsvolle „Kaisergeburtstagsfeiern“ und Teilnahmen an Kaiserparaden und Umzügen füllen die Annalen des Vereins bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs im Jahre 1914. Mit der Nachricht über den ersten Kriegstoten im Amt Eslohe, dem im August 1914 in Frankreich gefallenen zweifachen Familienvater Anton Middel aus Isingheim, hatte auch den Kriegerverein die Realität erreicht. Der Vorstand beschloss eine Seelenmesse lesen zu lassen. Es blieb in der Folge nicht bei der einen. 

Anfang 1917 zählte der Verein 127 Mitglieder von denen 65 im Felde bzw. unter den Fahnen standen. Still wurde es in der Vereinsgeschichte zum Kriegsende bis im Mai 1919 der Beschluss gefasst wurde, den Kriegerverein unter seiner Bezeichnung weiter bestehen zu lassen. 1921 wurde mit Ehrung der heimgekehrten Krieger, Verwundeten und Gefangenen erstmals wieder ein Vereinsfest in Eslohe begangen. Es folgte die Errichtung der Kriegerdenkmale, zuerst in Obersalwey und dann in Eslohe, initiiert durch den Kriegerverein. 

Im Mai 1926 feierte der Kriegerverein sein fiktives 60jähriges Bestehen. Als einer der wenigen noch lebenden Gründungszeugen wurde ausdrücklich der Altveteran Posthalter Joseph Schulte, auch „Wulfes Vater“ genannt (in Eslohe am 31.12.1840 geboren). Dieser war Kriegsveteran und ein Mann der ersten Stunde des Esloher Kriegervereins. Wulfes Vater verstarb am 21. Januar 1928, im Alter von 87 Jahren an Altersschwäche. 

 

Auflösung der Kriegervereine 

 

Anders wie nach dem ersten Krieg mussten sich 1945 nach Ende des Zweiten Weltkriegs alle bestehenden Kriegervereine auflösen. In der Besatzungszeit wurde durch die Alliierten mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 2 vom 10. Oktober 1945 jegliche Fortführung des Vereinsgeschehens untersagt. Das bezog sich auf alle Organisationen und Einrichtungen, die der nationalsozialistischen Herrschaft gedient haben. Dazu zählte auch der Kyffhäuserbund, der von den Nazis zum NS-Reichskriegerbund umbenannt wurde. 

Die Kriegervereine waren aufgelöst und liquidiert und blieben es, anders wie der Kyffhäuserbund, der sich 1952 wieder gründete. Dieser betont seine Rolle aus Reservisten- und Schießsportverband und benennt die Verteidigung von Rechtsstaatlichkeit und Grundgesetz als seine zentralen Aufgaben.