Dekrete, Kontrakte, Protokolle

Vergilbte Dokumente erzählen ...


die Geschichte vom Schneider Poggel aus Niederbremscheid

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(C) Wilhelm Feldmann

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Geschichte vom Schneider Poggel aus Niederbremscheid
Hier findest Du eine ausführliche Beschreibung mit Texten aus den Abschriften der alten Dokumente.
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In uralten Gerichtsakten und Urkunden stecken so manche Lebensgeschichten. Man muss die alten Schriften „nur“ entziffern, was dem Chronisten oftmals einige Mühe abverlangt. Doch meist wird man belohnt durch interessante Erkenntnisse.

So war es auch diesmal. Herausgekommen sind Einblicke in das Dasein eines Mannes, der allein durchs Leben ging und sich von seiner Arbeit als Schneider und mit etwas Landbewirtschaftung ernährte. Dabei wurden auch einige Menschen entdeckt, die seinen Weg einst kreuzten. Alles das geschah in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

Über den Schneidermeister Poggel findet sich in der Heimatforschung kaum ein Hinweis. Seine Existenz ist nicht bekannt, denn er hat keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Dennoch: Nicht nur die Pfarrgeistlichen in ihren Kirchenbüchern, auch die Notariats- und Gerichtsschreiber seiner Zeit, die sich Aktuar nannten, haben ihm mit Papier und Feder unbewusst ein Gedächtnis bewahrt. 


Vergilbte Dokumente erzählen eine Geschichte

Themenbezogen KI generiert: Ein Gerichtsschreiber (Aktuar) bei der Arbeit.
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Auf dem Schreibtisch liegt eine Mappe in der sich einige alte und vergilbte Schriftstücke befinden. Sie wurden zugetragen mit der höflichen Bitte, doch mal hineinzuschauen um deren Inhalt zu entziffern, ihnen ihren Sinn zu entlocken. Schon beim punktuellen Lesen wurde deutlich:

Die Sammlung von Dokumenten bezieht sich zweifelsohne auf eine bestimmte Person. Sie markiert Zeitpunkte im Leben des Hauptdarstellers und gestatten Einblicke, nicht nur in seine Persönlichkeit, auch in das Zeitgeschehen in unserer Heimat im 19. Jahrhundert.

Die Rede ist von dem Bauernsohn Johann Franz Poggel, der auf Poggels Hof in Niedereslohe geboren wurde, dort aufgewachsen war und seine Jugendzeit verbrachte (Esloher Museumsnachrichten 2021, Seite 63). 

 

Johann Franz Poggel:  Als Bauernsohn in Niedereslohe geboren

 

Ein Blick in die Kirchenbücher der Esloher Pfarrgemeinde ergeben wenig Hinweise auf ein ganzes Menschenleben. Naturgemäß beschränken sich die Eintragungen der Pfarrleute auf Geburten bzw. Taufen von Neugeborenen, Eheschließungen und Todesfälle. Doch manchmal finden sich Hinweise auf Herkunft, Beruf, Paten, Trauzeugen und der Grund eines Ablebens. Der Lateiner hat Vorteile, das Geschreibsel in diesen Büchern wahrhaftig zu deuten. 

Doch was ist zu finden über den Täufling Johann Franz Poggel? 

 

Geboren bzw. getauft wurde dieser in Niedereslohe am 26.12.1801. Seine Taufpaten waren der Anton Hegener aus Wenholthausen und die Sophia Hallmann aus Eslohe. Die Eltern sind dem Chronisten nicht unbekannt: Es sind die Eheleute Franz Anton Poggel [der Erste], Ackersmann in Niedereslohe (dort geb.am 03.12.1764) und Maria Theresia Peitz (geb. in Niedereslohe am 10.09.1772). Diese hatten am 19. Januar 1790 in der Esloher Pfarrkirche den Bund der Ehe geschlossen. Die Braut war bei der Hochzeit achtzehn Jahre jung. Aus ihrer Ehezeit, so berichtet das Taufbuch, gingen elf Kinder hervor, darunter als sechstes jenes Kind, das sie auf den Namen Johann Franz Poggel taufen ließen. 

Der Weg zur Selbstständigkeit: Ein Baugrundstück in Niederbremscheid

Franz Poggel wuchs auf dem Hof seiner Eltern in Niedereslohe mit vielen Geschwistern auf. Er war nicht der Erstgeborene und damit nicht als Hoferbe vorgesehen. Da war es recht früh klar, dass er sich als sogenannter „abgehender Sohn“ vom elterlichen Hof lösen und eine eigene Existenz aufbauen musste. Er wollte nicht als Knecht und damit als unfreier abhängiger Mann auf dem Hof seines Bruders Franz Anton Poggel [der Zweite] bleiben; er wollte einen handwerklichen Beruf erlernen. So wird er bei einem Schneidermeister in die Lehre gegangen sein und sah nach einigen Gesellenjahren, bereit dreißig Jahre alt, eine Möglichkeit sich in seinem erlernten Beruf als Schneidermeister selbstständig zu machen. 

Auszug aus dem Kaufkontrakt
Auszug aus dem Kaufkontrakt

Es fügte sich, dass dem Franz Poggel im Jahre 1832 von der Christine Cremer, geb. Peitz, die Ehefrau des Ackerwirts Anton Cremer gnt. Müller aus Niederbremscheid war, ihr „erbeigenes“ Grundstück, ungefähr 28 Cöllnische Ruthen groß (ca. 400 qm), zum Kauf angeboten wurde. 

Dieses Land in der Bremscheider Feldflur „unter der Bermeke“ grenzte im Osten an die Chaussee, im Süden an Engelhard Mönig und Anton Cremer, im Westen an Anton Cremer und im Norden an Gabriels Wiese. 

Schließlich wurde man handelseinig und nach Zahlung des Kaufpreises von 27 Thaler, 20 Silbergroschen und 9 Pfennige preußisch Courant in bar, traf man zum Abschluss des Kaufvertrages, damals auch „Contract“ genannt, am 18. August 1832 zusammen: Die „Contrahenten“ und die Zeugen Anton Pape sowie der Lehrer Clemens Tillmann erschienen in Eslohe beim Justiz-Kommissar und Notar Wilhelm Joseph Carpe, Sohn eines Lohgerbers aus Paderborn. Christine Cremer unterschrieb, da sie des Schreibens unkundig war, mit drei Kreuzen, nachdem ihr der Lehrer Tillmann „bei diesem ganzen Acte als Beistand zugestand“. Clemens Tillmann, der in Estinghausen bei Sundern geboren war, ist der erste staatlich angestellte und pädagogisch ausgebildete Lehrer an der einklassigen Esloher Schule. Er war zudem auch Küster in der Pfarrkirche St. Peter und Paul

Das Dorf Bremscheid zu damaliger Zeit

Über die Ortsteile Nieder- und Oberbremscheid berichtete im Jahre 1823 der Esloher Pfarrer Joseph Cramer. Gehorsamst kam er damit einer „Bitte“ der Regierung in Arnsberg nach. Mit seiner, als Chronik bezeichneten Beschreibung der Dörfer, die seinerzeit zum Kirchspiel Eslohe zählten, aber besonders mit seinen nach 1830 zugefügten Ergänzungen, hinterließ der Pfarrer wertvolle Hinweise auf die stetig wachsende Besiedlung des Dorfes, insbesondere im Bachtal nach Hengsbeck, in der „Hengespe“. (Esloher Museumsnachrichten 2022, ab Seite 68)

 

Oberbremscheid bestand im Jahre 1823 aus drei Häusern. Diese sind vom Pfarrort Eslohe eine Viertelstunde Fußweg entfernt liegen „am kleinen Esselflusse im Wiesentale an der Schosse“ [Chaussee, heutige Bundesstraße 55]. Gemeint sind die alten Höfe im „overen bremschedt“, der Vollmers Hof (später: Böhmer) und das alte Rittergut (früher Wohnsitz derer von Esleven, heute: Bürger). Aus dem Rittergut gingen wenig später, um 1830, die Siedlerstellen in der Hengespe hervor. 

 

Niederbremscheid, unweit Eslohe nach Süden, bestand nur aus zwei Häusern. Es sind die beiden Hofstellen Klagges (heute: Rischen) und Müllers (später: Hochstein, Melcher und zuletzt Henke bis 2023) Zum Hof gehörte zur damaligen Zeit, bachabwärts gelegen, eine Kornmühle aus dem 16. Jahrhundert und ein kleines Wohnhaus für den jeweiligen Mühlenpächter. Heute sind diese Gebäude nach grundlegenden Umbauten nicht mehr als ehemaligen Mühlengrund auszumachen. Es sind die beiden Wohnhäuser Glosowitz und Krause. 

 

Auszug aus der preußischen Urkatasterkarte um 1830
Auszug aus der preußischen Urkatasterkarte um 1830

Franz Poggel lässt 1833 ein neues Haus errichten

Um 1830 wurden auch in Niederbremscheid neue Häuser gebaut. So wie in der Hengespe ließen sich auch hier Handwerker aller Couleur nieder. Ihre neu erworbenen Grundstücke wurden bereits in die preußische Urkatasterkarte, die um 1830 von dem Geometer Linzen gezeichnet wurde, erfasst. 

Das 1833 erbaute Wohnhaus des Franz Poggel. Das wurde 1959 abgebrochen. Auf dem Foto, vermutlich um 1920, sind Angehörige der Familie Vollmer zu sehen.
Das 1833 erbaute Wohnhaus des Franz Poggel. Das wurde 1959 abgebrochen. Auf dem Foto, vermutlich um 1920, sind Angehörige der Familie Vollmer zu sehen.

Pfarrer Joseph Cramer erwähnte diese in seinen Aufzeichnungen, u.a. auch „Poggels Schneider“, der sein Haus 1833 neu erbaut hatte (siehe Kartenausschnitt, eingekreist oben links). Dieses steht erkennbar, so wie im Kaufkontrakt beschrieben, unmittelbar im Kurvenbereich der Chaussee. Diese war seit 1814 teilweise schon zur hessischen Regierungszeit als „Kunststraße“ ausgebaut. 

 

In sichtbarer Nachbarschaft hatte bereits 1821 der Niederesloher Hammerschmied Engelhard Mönig seine Schmiede errichtet und nach Fertigstellung des Wohnhauses zog dieser 1826 mit seiner jungen Familie nach Niederbremscheid und machte sich selbständig. Die Eigentümer des Anwesens [heute: Bremscheid Nr. 6] waren später die Familien Hufnagel und zuletzt Flassnöcker. In unmittelbarer Nachbarschaft baute zur selben Zeit 1826 ein Johannes Schulte sein Wohnhaus, in dem danach die Schreiner Johann Schüttler und Lorenz Wiese und [heute: Bremscheid 8] Schlaak wohnten. 

 

Nachdem Johannes Franz Poggel, der im Kaufvertrag als Schneidermeister benannt wurde, das Baugrundstück erworben hatte, ließ er dort sein Wohnhaus mit Werkstatt errichten, das 1833 fertiggestellt werden konnte. Dazu wurde noch ein kleiner Stall gebaut, denn es war zu jener Zeit üblich, dass Handwerker jeglicher Zunft zusätzlich eine kleine Landwirtschaft mit Tierhaltung für den eigenen Bedarf betrieben. Dazu gehörte aber noch Land, welches gepachtet oder gekauft werden musste.  

Ein Darlehen vom Pastor Cramer

 

Üblicherweise war es und als gesichert kann gelten, dass Franz Poggel für sein Vorhaben vom Hof Poggel in Niedereslohe eine Abfindung erhielt. Sie ermöglichte ihm den Erwerb von Land, den Bau seines Hauses und damit die Ausübung seines Handwerks in Selbstständigkeit. Auch wird er seine Gesellenjahre dazu genutzt haben, ein kleines Vermögen anzusparen. Ob all das reichte für den Bedarf an barem Gelde? 

 

Offensichtlich nicht, denn eine am 27.11.1835 vor dem Justiz-Kommissar und Notar Friedrich Fischer geschlossene Schuldurkunde zeugt davon. Seinerzeit gab es in Eslohe keine Bank am Ort die Kredite geben konnte. Doch Pfarrer Joseph Cramer, vertretend für den Kirchenvorstand der Pfarrgemeinde St. Peter und Paul, lieh dem Franz Poggel 65 Thaler bares Geld, da er diesen als „dispositionsfähig bekannten Schneidermeister“ ansah. 

Des Schneiders Handschrift: "Selbst gelesen und genehmigt - Johan Franz Poggel"
Des Schneiders Handschrift: "Selbst gelesen und genehmigt - Johan Franz Poggel"

Eine Eintragung als Hypothek auf das Eigentum des Schneidermeisters, welches nun auch nach zusätzlichem Erwerb neben Baugrund und Haus, Garten und Acker von 76 Ruthen (rd. 1.080 qm) maß, wurde gesetzmäßig beantragt und auch genehmigt. Das war vorbeugend für den Fall, dass der Schuldner seinen Verpflichtungen „in klingender Münze“ nicht nachkomme. Der Aktuar Goebel nahm alles zu Protokoll. Als Zeugen unterzeichneten der Tuchmacher Heinrich Hengsbach, auch in den Kirchenbüchern Einsasse und Wollweber genannt, sowie der Schreiber Heinrich Scherff. 

Unterschrift des Esloher Pastors Joseph Cramer
Unterschrift des Esloher Pastors Joseph Cramer

Binnen zwei Jahren gelang es Franz Poggel das geliehene Geld nebst fünf Prozent Zinsen an die Kirchengemeinde zurückzuzahlen. Er hatte sich damit als kreditwürdig erwiesen. 

 

Pastor Cramer schrieb: „Die hier in dieser Obligation enthaltenen fünfundsechzig Thaler Courant sind heute durch den Schuldner Johann Franz Poggel zu Niederbremscheid mit allen Zinsen zurückbezahlt, worüber ihm hiermit Quittung ertheilt und dieses Dokument zurückgegeben wird. So geschehen Eslohe, den 3ten Dezember 1837.“


Franz Poggel erwirbt 1838 ein „Schüffelland“

Am 14. Mai 1838 fand sich der Schneidermeister erneut persönlich beim Königlichen Justizamt in Eslohe zu einer „gewöhnlichen Gerichtssitzung“ ein. Es sollte erneut ein Kontrakt geschlossen werden. Die Eheleute Johann Schulte gnt. Lammert und Gertrud, geborene Schulte, kamen aus Kückelheim und beabsichtigten, dem Franz Poggel ihr zur Steuergemeinde Salwey gehörendes „Schüffelland auf der Höhe“, 2 Morgen, 112 Ruthen (ca. 6.700 qm) groß zum Eigentum zu geben. Den Kaufpreis von 16 Thalern, 27 Silbergroschen und 8 Pfennige Courant hatten sie vom Franz Poggel „bereits baar erhalten“.

 

Für diesen war es vermutlich eine Wertanlage, deren Kaufpreis ihm günstig erschien. Schüffelland war kein wertvolles Ackerland, einst unfruchtbares Heideland, welches nach dem Umbruch nur teils mit Getreide bestellt und dann viele Jahre als Hude zu nutzen war. Doch die Eheleute Schulte trennten sich von diesem Boden, weil sie das Geld aus dem Verkauf dringend benötigten. Es bestand eine Hypothek von 96 Thalern, die sie dem Joseph Neuhäuser gnt. Mester zu Kückelheim schuldig waren. 

 

Das Paar hatte auf ihrem kleinen Kotten kein leichtes Leben. Sie waren arm, doch wegen ihrer Vergangenheit, die von Liebe und Zuneigung geprägt war, trugen sie gemeinsam ihr schweres Schicksal. 

Johann Schulte verzichtete wegen der Liebe zu seiner Kusine auf die Erbschaft

 

Das 1789 erbaute Haus des Dorfschmieds Schulte in Sallinghausen
Das 1789 erbaute Haus des Dorfschmieds Schulte in Sallinghausen

Johann Anton Schulte wurde am 12.03.1786 als ältester Sohn auf dem Schultenhof in Sallinghausen geboren. Er war als Hofnachfolger vorgesehen, fiel aber bei seinem Vater in Ungnade wegen seiner Liebschaft zur leiblichen Kusine Anna Maria Gertrud Schulte. Sie wurde in Sallinghausen am 19.04.1793 als Tochter des Dorfschmieds geboren. Schon ihr Vater, der eine Generation zuvor als Ältester auf dem Schultenhof geboren war, hatte einst ebenfalls auf die Erbschaft verzichtet. Er machte sich im Dorf als Schmied selbstständig. Nun wiederholte sich die Geschichte und das Verhältnis war wieder einmal so getrübt, sodass Johann Anton Schulte aus Liebe zu seiner Braut auf die ihm zustehende Hofnachfolge verzichtete. Der Vater, Anton Benedikt Schulte, kam dennoch seinen Vaterpflichten nach und erwarb für den Sohn von Lammers in Kückelheim bei Eslohe einen Resthof. Dazu zahlte er noch als Abfindung einen Geldbetrag über 550 Thaler. 

 

Zur Eheschließung des jungen Paares am 21.12.1814 wurde vom Pfarrer im Copulationsbuch vermerkt: „mit Dispens getraut“. (Befreiung vom Ehehindernis der Blutsverwandtschaft). Später wurde erzählt, dass sich die Eheleute in Kückelheim nie richtig zuhause gefühlt haben und Johann Anton Schulte einen Ausspruch tat: „Die lange Wiese von Schulten in Sallinghausen sei allein mehr wert, als das ganze Lammers Gut in dem schrohen Kückelheim“.  

Ihnen wurden zehn Kinder geboren, von denen einige sehr früh starben und keine der überlebenden blieben in Kückelheim. Lammers Hof wurde verkauft und in der Folge aufgelöst. 


Das Klischee vom „armen Schneider“ 

 

Die uralte Mär dichtet dem Beruf des Schneiders einige Unwahrheiten an. So ist es nicht wunderlich, dass diesem Handwerk einige Vorurteile begegneten. Es zählte damals zu den „verfemten Berufsständen“, da man den Schneidern nachsagte, weil sie „die Tuche“ [Stoffe] unbeobachtet in ihrer Werkstatt zu Kleidung nähten, dass sie auch mitunter etwas davon für sich selber behielten: „Dem Schneider ist viel unter den Tisch gefallen.“ Da das Schneidern bis ins späte Mittelalter hinein als typische Hausfrauenarbeit galt, bestand die landläufige Meinung, dass Schneider-Arbeit nur etwas für „schwächliche Männer“ sei. 

 

Eigentlich war es ein schlecht bezahltes Handwerk und so entstand das Klischee vom „armen Schneider“, welches in der Literatur häufig verbreitet wurde. Doch Franz Poggel entsprach offensichtlich nicht diesem Klischee. Seine Geschichte erzählt Anderes und wird eher der Aussage aus Grimms Märchen vom „tapferen Schneiderlein“ gerecht: „Dem Mutigen – und Fleißigen – gehört die Welt!“

„Gut betucht“ und dennoch ledig. 

 

Wenn jemand mit sicherheit sich auf ein immobile eine hypothek verschreiben lassen will, muß er sich einen hypothekenschein geben lassen …“, so ist’s geschrieben in einem Schriftstück aus dem 19. Jahrhundert. Dieser Hinweis war rechtens, denn ein Hypothekenbrief, war ein juristisches Dokument, das die Bedingungen eines durch Immobilien besicherten Darlehens darlegte. Dabei handelt es sich um das Versprechen des Kreditnehmers, den geliehenen Betrag zuzüglich der vereinbarten Zinsen zurückzuzahlen. 

 

Ein auf den Namen des Schneidermeisters Johann Franz Poggel ausgestellter Hypothekenschein aus dem Jahre 1840 gibt Kunde über sein Eigentum (lat.: Titulus possessionis), den beständigen Lasten (lat.: „Onera perpetua“) und Einschränkungen des Eigentums. Das waren meistens Abgaben an die Grundherren, an die Pfarrei oder Pastorat. Als dritte Rubrik finden sich die gerichtlich gesicherten Schulden (Hypotheken), die auf den Immobilien lasten. 

Für Johann Franz Poggel war ein Hypothekenschein ausgestellt, der jedoch 1841 aufgelöst und in der Folge zurückgegeben wurde. Es lagen weder Lasten noch Schulden auf seinem Vermögen. 

 

Ein kleines Stück Papier, auf dem mit ungelenker Hand vom Tagelöhner Franz Schulte aus Isingheim geschrieben steht, dass er vom Poggel im November 1846 einen Geldbetrag über 20 Thaler Courant geliehen habe, beweist: Der Schneidermeister war im wahrsten Wortsinn „gut betucht“, mit schuldenfreiem Besitz und somit eine „gute Partie“. Doch ein begehrter Heiratskandidat ist oftmals ein schlechter Liebhaber. Franz Poggel ging allein durchs Leben. Deshalb sucht man im Copulationsbuch der Pfarrei vergeblich nach dem Beweis einer möglichen Eheschließung. 

 

 

Franz Poggel wird von seinem Neffen verklagt und vorgeladen

 

Im März 1846 erhielt der Schneidermeister eine Vorladung vom Königlich Preußischen Land- und Stadtgericht in Meschede. Er solle am Montag, den 6. April, vormittags 10 Uhr in Eslohe vor dem Assessor Nettler zu einer mündlichen Verhandlung erscheinen. 

 

Sein Neffe (Sohn der Schwester Maria Elisabeth Poggel), der Lohgerber Franz Anton Roggemann aus Niederreiste hatte Klage gegen seinen Onkel erhoben. Der Kläger, selbst erst seit kurzer Zeit Eigentümer des von seinem Vater an ihn übertragenen Grundbesitzes in Niederreiste, erhob gegenüber dem Franz Poggel einen Geldanspruch. Der Vater, Ackerwirt Joseph Roggemann hatte seinem Schwager, dem Schneidermeister, angeblich geliefert: 1842 = 50 Fuß trockene Eichenbretter und 1844 = 4 2/3 Zentner Haferstroh. Nun forderte sein Sohn vom Onkel 4 Thaler, 26 Silbergroschen und die Kosten der Verurteilung. Das Ergebnis aus der mündlichen Verhandlung im sog. Bagatell-Prozess ist unbekannt. 

 

Da dem Beklagten als Nachweis eine Abschrift des Roggemann‘schen Übergabevertrages ausgehändigt wurde und damit heute noch Einsicht gewährt ist, wird verständlich, warum der Kläger darauf bedacht war, alle offenen Forderungen seines Vaters gerichtlich einzuklagen: Er ging mit der Hofübernahme hohe Verpflichtungen und Schuldübernahmen ein. 

Seinem jugendlichen Ungestüm ist es da wohl zuzurechnen, dass er seine Ansprüche gegenüber seinem Onkel nicht im persönlichen Gespräch klären wollte und stattdessen streitbar eine Klage bei Gericht vortrug.  

Franz Poggel schreibt 1846 sein Testament

Ausschnitt Urkunde zur Testamentsaufbewahrung vor Gericht
Ausschnitt Urkunde zur Testamentsaufbewahrung vor Gericht

Johann Franz Poggel befand sich im 45ten Lebensjahr als er seinen letzten Willen auf ein Papier schrieb, es in einen Umschlag steckte und beim Gericht in Eslohe hinterlegte. Er hatte Land gekauft, ein Haus gebaut und vielleicht besaß er noch Barvermögen. Das war Grund genug, sich als Alleinstehender Gedanken zu machen, wer einmal nach seinem Ableben die Erbschaft über seinen Besitz übernehmen sollte. Litt der Schneider an einer Erkrankung, hatte er wohlmöglich eine körperliche Behinderung (früher: ein Gebrechen), die ihn sorgte und ein frühzeitiges Ableben für ihn als möglich erschien? Vielleicht waren es auch die vielen Sterbefälle in kurzer Zeit auf seinem elterlichen Hof in Niedereslohe, die ihm bewusst machten, wie nah Leben und Sterben beieinander liegen. 

Es gibt Gründe genug, frühzeitig ein Testament zu schreiben, besonders dann, wenn keine leiblichen Erben vorhanden sind! Doch wir wissen nicht, was in seinem sorgsam gehüteten Testament geschrieben stand, wen er darin bedachte. Nur so viel ist dem Gerichtsprotokoll vom 6. Juli 1846 zu entnehmen: „Hierin befindet sich mein letzter Wille, in welchem ich die Siegelung und Inventur erbeten habe. Der Werth meines Nachlasses beträgt circa 350 Thaler.“ Das stand auf dem Umschlag geschrieben, den er zur gerichtlichen Verwahrung übergab. 

 


Hallmanns quittieren 1850 Pachtzahlungen des Franz Poggel

Einem Schriftstück ist zu entnehmen, dass der Schneider Franz Poggel neben dem im eigenen Eigentum stehenden Grundstücken auch zusätzlich Pachtland bewirtschaftete. Dieses Land stand im Eigentum des Ackerwirts Caspar Hallmann aus Eslohe. Dessen Sohn Heinrich quittierte auf Neujahr 1850 und am 4. März 1851 Caspar Hallmann selbst den Erhalt einer Zahlung für die Berechtigung sechs Jahre pachtweise zu wirtschaften. 

 

Dem Inhalt eines Dekrets (richterliche Verfügung) vom 10.02.1843 konnte zuvor entnommen werden, dass die genannten Pacht-Grundstücke ehemals Eigentum der Witwe Bernhardine Sellmann an der Dillmecke war. Scheinbar war das Land noch mit Schulden zugunsten eines Everhard Cremer belastet, so ist das Dekret zu verstehen, in dem der Gläubiger vom Eigentumswechsel auf den Caspar Hallmann unterrichtet wird. 

 

Caspar Hallmann war ein jüngerer Bruder der Bernhardine Sellmann. Dieser war in Eslohe geboren am 22.02.1801 als Sohn des Casimir Ignatius Hallmann, Ackersmann und Notarius und dessen Ehefrau Sophia, geborene Kropff. Das Ehepaar erbaute 1798 das Hallmanns Haus an der Kupferstraße (heute: Hausnummer 3, im Eigentum des Wirtes Werner Schulte gnt. Berges). Der Ackersmann Caspar Hallmann heiratete in Eslohe am 30.05.1833 die Maria Anna Geilen aus Niedersfeld. Deren gemeinsamer Sohn Heinrich Hallmann wurde am 05.05.1834 in Eslohe geboren. 

 

Die Bewohner der Dillmecke (Bremscheid Nr. 7):

 

Die Sellmanns in der Dillmecke

 

Nach Pfarrer Cramer wurde das Haus des Sellmann im Jahre 1826 neu erbaut. Dessen Standort wurde in die Urkatasterkarte eindeutig auch mit dem Namen des Eigentümers eingezeichnet. Es zeigt das kleine Anwesen, welches auch heute unterhalb der Bundesstraße steht und von der Familie Kniephoff bewohnt ist. Zum Haus gehörten damals weitere Eigentumsflächen, die allesamt landwirtschaftlich genutzt wurden. Sellmanns hatten ihr Baugrundstück an der Dillmecke und die angrenzenden Flächen im Zuge der Parzellierung des Rittergutes Bremscheid vom damaligen Besitzer des adeligen Gutes namens Wrede erworben. Vermutlich entstammt der Name „Dillmecke“ von dem gleichnamigen Rinnsal, das oberhalb, also gegenüber von Sellmanns Haus gelegen verläuft und in einem Durchlass hinunter zum Esselbach mündet. 

 

Die Witwe Bernhardine Sellmann, geborene Hallmann, war die Ehefrau des am 4. Januar 1840, 58jährig an Brustwassersucht verstorbenen Ehegatten Wilhelm Sellmann. Dieser wurde als Einsasse und Ackermann auf der Dilmke [auch Dillmecke] zu Bremscheid genannt. 

Bernhardine war am 17.2.1789 in Eslohe geboren. Aus ihrer Ehe [Hochzeit am 4.4.1815] mit Wilhelm Sellmann gingen laut Sterbebuch der Pfarrei in Eslohe zwei Töchter und ein Sohn hervor, die alle sehr früh starben.

 

Wegen des viel zu frühen Tod ihres Ehemannes und mangels nachfolgender Erben, verkaufte die Witwe ihr Haus im Jahre 1842 an den Johannes Winkelmeyer. Dieser soll damals mit seinen Brüdern aus dem Schwarzwald zugezogen sein. Bernhardine Sellmann ging ihrem Ehemann und den Kindern im Tode nach. Sie wurde 62 Jahre alt und ist am 11. Juni 1851 in Eslohe begraben worden.

 

Winkelmeyers in der Dillmecke

 

Der neue Bewohner von Sellmanns Haus an der Dillmecke namens Johannes Winkelmeyer (gest. am 19.02.1912) ehelichte Theresia Willmes aus Cobbenrode (geb. 1865, gest. 03.11.1938). Ihr gemeinsamer Sohn Johannes jun. wurde am 26.06.1892 geboren (gest. 20.02.1957) und heiratete die Theresia Schmitte aus Bremscheid (geb. 10.09.1896, gest. 04.07.1987). Die Familie betrieb eine kleine Landwirtschaft und führte zeitweise eine „Sommerfrische“ (Fremdenpension). Im Hauptberuf übte Johannes Winkelmeyer das Maurerhandwerk aus. Er war ein rühriger Mensch, einige Jahre Bremscheids Ortsvorsteher und Mitglied des Kirchenvorstandes in der Pfarrgemeinde Eslohe. 

 

Stangiers in der Dillmecke

 

Erbin des Anwesens wurde die Tochter Johanna (geb. 22.04.1921, gest. 21.07.1998). Sie heiratete den Albert Stangier. Der war Landwirt und stammte aus Mittel-Durwittgen (Bergisches Land), war dort geboren am 09.09.1921. Er heiratete in Bremscheid ein. Wegen der beengten Lage ihrer Hofstelle unterhalb der Bundesstraße bauten die Eheleute 1962/63 auf ihrem am Weg zur „Höhe“ gelegenen Grundstück eine neue Hofstelle mit Wohnhaus, Stall und Wirtschaftsgebäuden. Albert Stangier ist am 07.10.1970 bei einem tragischen Unfall mit seinem Traktor gestorben. Stangiers Aussiedler-Hofstelle wurde nach dem Tod von Johanna Stangier, geb. Winkelmeyer, im Jahre 1998 vermietet 

 

Ihr altes Wohnhaus in der Dillmecke wurde ab Februar 1964 an die Familie Albert Kniephoff vermietet. Kniephoff stammte aus Kiel und war Melker auf Gut Wenne. Er konnte später das Haus käuflich von Stangiers erwerben. 

 



Schneider Poggel kehrt für immer zurück auf den elterlichen Hof

Ein alte Schneidermeister in seiner Werkstatt. Dieses Bild wurde nach Vorgabe mit KI generiert von Thomas Haas, Ulm
Ein alte Schneidermeister in seiner Werkstatt. Dieses Bild wurde nach Vorgabe mit KI generiert von Thomas Haas, Ulm

 

Eine Rechnung die zur Erhebung von Gerichtskosten (Salarien-Kasse) im Dezember 1852 an den Schneider Franz Poggel in Niederbremscheid geschrieben wurde, musste korrigiert werden: In der Anschrift wurde der Wortteil „bremscheid“ gestrichen und durch „eslohe“ ersetzt. Gilt das wohlmöglich als Beweis dafür, dass der Empfänger zu diesem Zeitpunkt bereits auf den elterlichen Hof in Niedereslohe gezogen war?

 

Vermutlich war er erkrankt, konnte seinen Haushalt in Niederbremscheid nicht alleine führen und war auf die Hilfe seiner Verwandten angewiesen.

 

Am 2. April 1858 schloss der Schneidermeister Johann Franz Poggel in Eslohe, so die Eintragung im Sterbebuch, für immer seine Augen und sein Testament, welches er Jahre zuvor bei Gericht hinterlegt hatte, wurde eröffnet.

 

Wir erfahren auch jetzt nicht, was sein letzter Wille für die Erben bedeutete. Er wird, selbst kinderlos, seine Neffen und die Nichte Theresia, Kinder seines Bruders Franz Anton Poggel (der Zweite), bedacht haben. Es sind keine schriftlichen Zeugnisse vorhanden. Doch wird erst einige Jahre später ein Kaufkontrakt Auskunft darüber erteilen, dass es der Neffe Wilhelm Poggel war, der das Haus und weiteren Grund von seinem Onkel geerbt hatte.

 


Nach dem Tod des Schneidermeisters verkaufte der Neffe das Anwesen

In der Familie Vollmer in Niederbremscheid Nr. 6 wird noch heute ein alter privatschriftlich verfasster Vertrag, ein Kaufkontrakt, aufbewahrt. Dieser bezeugt den käuflichen Erwerb ihres bestehenden Anwesens in Niederbremscheid. Die erworbenen Grundstücke mit Wohnhaus, welches ehemals durch den Schneidermeister Johann Franz Poggel erworben und erbaut wurden, konnte ihr Vorfahre Joseph Vollmer am 9. August 1875, siebzehn Jahre nach Tod des Schneiders, zum Kaufpreis von 900 Thaler erwerben. Es ist anzunehmen, dass die Familie Vollmer bereits einige Zeit zur Miete gewohnt hatte. Jetzt nahm sie die Gelegenheit wahr, den Besitz durch Kauf zu Eigentum zu nehmen. 

 

Als Verkäufer trat Wilhelm Poggel auf, der als "abgehender" Sohn vom Hof Poggel Niedereslohe in Hemer eine Wohnstätte und Arbeit als Schreiner gefunden und dort eine Familie gegründet hatte. Er war als Erbe seines Onkels Eigentümer und im Besitz des Anwesens in Niederbremscheid geworden. 

 

 

Als Zeugen, die bei der Abfassung des Kaufkontrakts anwesend waren, zeichneten die Geschwister des Verkäufers, der Hoferbe Franz Anton Poggel (der Dritte) und die ledige Theresia Poggel.

Die Zeugen waren Neffe und Nichte des verstorbenen Onkels, dem Schneider Franz Poggel.

 

Nicht beteiligt war deren Bruder Johann Poggel. Dieser hatte in Niedereslohe die Familie Poggel gnt. Schütte gegründet und war von Beruf selbstständiger Sattlermeister. 



Die neuen Eigentümer: Familie Vollmer

Die Familie des Schneiders Joseph Vollmer jr. aus Niederbremscheid
Die Familie des Schneiders Joseph Vollmer jr. aus Niederbremscheid

Der Käufer, Tagelöhner Josef Vollmer war in Niedermarpe am 07.04.1844 geboren. Seine Eltern waren der Schäfer Franz Vollmer, (geb. am 08.10.1804 in Wiebelhausen, Pfarrei Oedingen, gest. 25.08.1887 vermutl. in Bremscheid) und Magdalene Kremer aus Niedereslohe (dort geb. am 17.09.1809, gest. 28.08.1882, vermutl. in Bremscheid).

Josef Vollmer heiratete am 29.09.1874 geborene Bernhardina Schönborn (geb. in Wenholthausen am 16.03.1844, gest. in Niederbremscheid am 30.07.1921). 

 

Joseph Vollmer starb am 16.03.1901. Erbe wurde sein Sohn Joseph jr., der am 06.10.1877 geboren wurde. Auch er war Schneider im Hauptberuf. Am 28.01.1903 heiratete er die Maria Padberg aus Wenholthausen (dort geboren am 10.05.1877 als Tochter des Fabrikarbeiters Franz Padberg und dessen Ehefrau Elisabeth Wrede). Aus der Ehe des Schneiders Joseph Vollmer (der zweite) mit Maria Padberg gingen acht Kinder hervor. 

 

Die Familie Vollmer in Niederbremscheid lebte in ihrem alten Haus bis zum Jahre 1959. Dann wurde es abgebrochen, da es vollständig „abgewohnt“ und für die Familie zu klein war. An gleicher Stelle wurde ein neues Wohnhaus errichtet, dass bis heute das Zuhause der Familie geblieben ist. 

 


Seit Generationen:  Café Poggel in Hemer

Das Café Poggel in Hemer im Hintergrund. Das Foto entstand um 1960
Das Café Poggel in Hemer im Hintergrund. Das Foto entstand um 1960

Wilhelm Poggel, der Neffe des Schneidermeisters Franz Poggel, wurde am 17.08.1832 in Niedereslohe auf Poggels Hof geboren. Als sein Onkel verstarb, war Wilhelm 25 Jahre alt und erhielt dessen Erbe. Er hatte das Schreinerhandwerk gelernt, doch wir wissen nicht, wann sein Lebensweg ihn nach Hemer geführt hatte.

 

Der Schreinermeister Wilhelm Poggel ehelichte eine Tochter aus der Familie Deinstrop. Als sogenannte Mitgift erhielt diese von ihrem Vater ein Grundstück in Hemer. Die jungen Eheleute errichteten im Jahre 1864 auf diesem Grund ein Wohnhaus, mutmaßlich auch eine kleine Schreinerwerkstatt. 

 

Am 28.07.1866 wurde ihr ältester Sohn Wilhelm (der Zweite) geboren. Das Handwerk seines Vaters begeisterte den Jungen aber nicht. Er ging in die Lehre als Bäcker und Konditor und nach erfolgreichem Abschluss drängte es ihn zur Selbstständigkeit. Am 18. August 1888 eröffnete der Junior im elterlichen Haus, am Alten Markt in Hemer, (heute: Hauptstraße 144) eine Bäckerei. Am 31.05.1900 starb der Schreinermeister Wilhelm Poggel im Alter von 67 Jahren. 

 

In vierter Generation führt heute Georg Poggel das Geschäft als gelernter Konditormeister. Die Bäckerei wurde jedoch aufgegeben. Die Zeiten, wo Meister und Gesellen mitten in der Nacht Brot und Brötchen in den Ofen schoben, sind hier vorbei. Aber die Herstellung von feinen Backwaren und leckeren Desserts, das vom Konditor technische Präzision, aber vor allem künstlerische Kreativität fordert, wird hier nach wie vor täglich unter Beweis gestellt und ist erlebbar im Café Poggel in Hemer. 


Die Familien Wilhelm und Georg Poggel in Hemer bewahrten die alten Dokumente sorgfältig auf und konnten sie deshalb für diesen Aufsatz zur Verfügung stellen. Franz-Albert Poggel aus Niedereslohe gab sie mir zur Einsicht, verbunden mit der Bitte, doch mal hineinzuschauen. Im Herbst 2024 fand ich nun Muße, mich in diese Akten einzulesen. Daraus ist nun dieser Bericht entstanden. Ich danke auch Herrn Wilhelm Poggel aus Hemer für seine Auskünfte im Rahmen eines netten Telefongesprächs. Eines steht noch aus: Ich werde in nächster Zeit einmal das Café Poggel in Hemer besuchen und dort mit meiner Frau Kaffee und leckeren Kuchen genießen.