# Die späte Heimkehr des Josef Struwe

# Das Kriegerdenkmal in Beisinghausen


Zum allumfassenden Thema "Krieg und Frieden" berichte ich von der glücklichen Heimkehr eines Soldaten. Ich erzähle auch über seine zehn Jahre dauernde Odyssee, die ihn im Laufe des Zweiten Weltkrieges als Soldat quer durch Europa führte und die letztlich in einem berüchtigten Straflager in Kasachstan, 6000 Kilometer von seinem Heimatort Beisinghausen, endete. 1950 kam er in die Heimat zurück. 


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(C) Wilhelm Feldmann

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Ein Soldat kehrt nach Jahren aus der Kriegsgefangenschaft zurück.
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"Gute Gedanken und Taten führen zum Frieden"

Inschrift an der Krieger-Gedächtnis-Kapelle in Beisinghausen, dessen Grundstein durch Arbeiter

des Eberhard König im Jahre 1950, am Tag der Rückkehr des Josef Struwe in seine Heimat, gelegt wurde.

 

Josef Struwe aus Beisinghausen, Obergefreiter des 671. Regimentes der 715. Infanterie-Division der Deutschen Wehrmacht
Josef Struwe aus Beisinghausen, Obergefreiter des 671. Regimentes der 715. Infanterie-Division der Deutschen Wehrmacht

 

 

 

25. April 1950:

Ein denkwürdiger Tag

 

 

Es war an einem Dienstag und auf dem Kalender stand der 25. April: Weite Teile von Mittel- und Westeuropa erlitten gerade einen Kälteeinbruch, sodass gar die in voller Blüte stehenden Obstbäume mit Schnee bedeckt waren. Dagegen war es in Skandinavien sommerlich warm mit Temperaturen bis zu 30 Grad. Dieser Frühlingstag im Jahre 1950 blieb aber vielen Bewohnern in der Gemeinde Reiste aus einem anderen Grund lange in Erinnerung: Als die Glocken vom Turm der Pfarrkirche St. Pankratius in Reiste zu ungewohnter Zeit zu läuten begannen und ihr Klang sich über das Tal der Reismecke verbreitete, horchten viele auf. 

 

Was war geschehen? An diesem Tag endete seine Odyssee, eine lange Reise mit vielen Hindernissen und Beschwernissen: Josef Struwe kam aus Kasachstan (01) zurück in sein Dorf Beisinghausen. Er kehrte heim auf „Webers“ Hof (02), wo ihn seine Geschwister, Nichten und Neffen, die Nachbarn, aber besonders die Mutter sehnsüchtig in Empfang nahmen und begrüßten. 

 


Das schwere Schicksal der Eltern

 

Jahre hatte die Mutter um ihren Sohn gebangt, gehofft und gebetet, dass dieser gesund wieder zu ihr heimkehre. Heute war nun der Tag, auf den sie so lange gewartet und den sie innig herbeigesehnt hatte. Ihr Ältester war heimgekehrt, auf dem so große Hoffnungen lagen, auch was die Zukunft des Hofes betraf. Sie habe ihn regelrecht „nach Hause gebetet“, waren später ihre Worte, wenn sie in Gedanken versunken zurückblickte auf ihr von Sorgen und Arbeit geprägtes Leben.

 

Maria Elisabeth Sommer war am 10.05.1886 als Tochter des Landwirts Wilhelm Sommer aus Bremke und seiner Ehefrau Therese, geb. Schulte aus Felbecke, geboren und im Nachbarort Bremke aufgewachsen. Mit 26 Jahren heiratete sie am 03.07.1912 auf „Webers“ Hof in Beisinghausen ein. Ihr Ehemann Franz-Josef Struwe (geb. 08.05.1883 in Beisinghausen), war Erbe des kleinen Hofes, der inmitten des Dorfes gelegen ist. Am 28.05.1913 kam ein kleiner Junge auf die Welt, den sie der Tradition verpflichtet auf den Namen Josef taufen ließen. Am 21.06.1914 wurde die Tochter Aloysia geboren. Das Glück schien ihnen zugeneigt zu sein, doch eine Woche später bahnte sich mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie in Sarajevo der Erste Weltkrieg an. 

 

Die Kriegsereignisse forderten ihren Tribut von der Familie:

Josef Struwe sen., geb. am 8.5.1883 wurde im Alter von 31 Jahren zum Kriegsdienst beim Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 80 einberufen.
Josef Struwe sen., geb. am 8.5.1883 wurde im Alter von 31 Jahren zum Kriegsdienst beim Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 80 einberufen.
Die Witwe Elisabeth Struwe mit ihren Kindern (v.l.n.r.:) Josef, Anna Maria und Aloysia (Foto um 1924)
Die Witwe Elisabeth Struwe mit ihren Kindern (v.l.n.r.:) Josef, Anna Maria und Aloysia (Foto um 1924)

Franz-Josef Struwe wurde am 6. August 1914 zum Kriegsdienst einberufen. Dann, am 13.06.1917, erblickte die jüngste Tochter das Licht der Welt: Anna Maria wurde sie getauft und hatte ihren Vater nie kennengelernt. Der Wehrmann Josef Struwe, Inhaber des Eisernen Kreuzes, ließ sein Leben auf dem „Felde der Ehre“. Er starb am 10. Juli 1917 infolge eines Wirbelsäulenbruchs, eine schwere Verwundung, die er sich bei einem Gefecht in der Champagne (Frankreich) zugezogen hatte. Nun blieb seine junge Ehefrau als Witwe zurück. 

 

Elisabeth sah sich allein auf dem Hof mit ihren drei kleinen Kindern und dem fast achtzigjährigen Schwiegervater Josef Struwe. Als dieser im Juli 1919 zu Grabe getragen wurde, ging Elisabeth am 07.07.1920 mit dem Bauernsohn Wilhelm Siepe aus Kirchilpe erneut eine Verbindung ein. Aus dieser Ehe gingen noch weitere Kinder hervor, vier an der Zahl. Sie sind Halbgeschwister des nun in die Heimat zurückgekehrten Josef Struwe. 


Jahre, die nicht ersetzbar sind

 

 

Glücklich, jedoch von den erlebten und nun überstandenen Strapazen gezeichnet, stand der Kriegsheimkehrer Josef Struwe vor der bekränzten Haustüre seines geliebten Elternhauses. Eine wattierte Steppjacke, die ihn schon im fernen Russland begleitet hatte, hing über seinen Schultern und verdeckte den mageren Körper. Sie hatte ihm gute Dienste geleistet und blieb fortan aufbewahrt auf dem Dachbalken seines Hauses.   

Sie erinnerte ihn wohl Zeit seines Lebens an seine zehn Jahre währende Soldatenzeit, die in einem Straflager in Mittelasien geendet hatte. Ein Großteil seiner Jugend und die Gesundheit musste er opfern für Volk und Vaterland, für ein angeblich hehres Ziel einer großmäuligen Politik im sog. „Dritten Reich“ (03).

 

1913: Der „weiße Jahrgang“

 

Als die NSDAP 1933 an die Macht kam, war es nur eine Frage der Zeit, dass die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt wurde. Obwohl dieses nach Ende des Ersten Weltkriegs den Deutschen im Versailler Vertrag untersagt war, blieben massive Proteste aus dem Ausland aus, als Hitler bereits 1933 sein Vorhaben öffentlich machte. Nun führte das Deutsche Reich am 16. März 1935 die allgemeine Wehrpflicht wieder ein und mit dem „Gesetz über den Aufbau der Wehrmacht“ wurde die Reichswehr in Wehrmacht umbenannt. 

Josef Struwe gehörte zum Jahrgang 1913, doch einberufen wurde im Herbst 1935 zunächst der Jahrgang 1914. Dann folgten die nachfolgenden Jahrgänge. Der jüngste, noch im Ersten Weltkrieg ausgebildete Jahrgang, war der Jahrgang 1900. Dazwischen klaffte die Lücke der „weißen Jahrgänge“, die keine militärische Ausbildung genossen hatten. Dazu gehörte Josefs Jahrgang 1913, deren Einberufung 1936 für den Einsatz von sog. „Ergänzungseinheiten“ begann, um auch diese Männer nach Möglichkeit für das Heer im Kriegsfall als personelle Reserve mit einer dreimonatigen Kurzausbildung verfügbar zu machen. 

Die Einberufung zur Kurzausbildung führte Josef Struwe im Februar 1939 nach Niederschlesien. Zusammen mit zwei Kameraden aus dem Sauerland, Willi Schauerte aus Herhagen und Lambert Wollmeiner aus Mönekind, wurde er in der Garnisonsstadt Görlitz (04) in wenigen Wochen in das Soldatenleben eingewiesen. Als die jungen Männer im Mai 1939 ins Sauerland zurückkehrten, hatte man sie für den Kriegsdienst nur minimal vorbereitet (05). 

Drei aus dem Sauerland: v.l.n.r.: Willi Schauerte, Lambert Wollmeiner und Josef Struwe während ihres Aufenthaltes in der Jägerkaserne in Görlitz (SW-Foto koloriert)
Drei aus dem Sauerland: v.l.n.r.: Willi Schauerte, Lambert Wollmeiner und Josef Struwe während ihres Aufenthaltes in der Jägerkaserne in Görlitz (SW-Foto koloriert)

Eine „verdeckte“ Mobilmachung

 

Ende August 1939 begannen zahlreiche Aktivitäten zur Vorbereitung eines Kriegseinsatzes durch die Wehrmacht. Erst am Spätnachmittag des 25. August erhielten die Bauern der Ämter Meschede und Bestwig eine amtliche Mitteilung, dass sie bereits am frühen Morgen des nächsten Tages in ihrem Besitz genannte Pferde zur Musterung in Calle vorzustellen hätten. Förmlich über Nacht erhielten überall junge Männer ihren Einberufungsbefehl. Auch Josef Struwe wurde aufgefordert, am 30. August im Wehrmachtslager in Obereimer/ Hammerweide (06) zu erscheinen. Am 1. September überschritten deutsche Einheiten mit einem fingierten Vorwand (07) die deutsch-polnische Grenze. Historisch gesehen nahm an diesem Tag der Zweite Weltkrieg seinen Anfang. 

 

Eine Reserve für die Westfront

 

Am 10. Mai 1940 begann der Angriff auf die Niederlande, auf Belgien, Luxemburg und Frankreich. Bereits nach zehn Tagen standen deutsche Verbände an der Kanalküste. Belgien und die Niederlande hatten kapituliert. Die für die Wehrmacht erfolgreiche Entwicklung führte dazu, dass Teile der Reservisten vorerst entlassen wurden.

Die Gelbe Kaserne in Aachen auf einer Postkarte um 1914 (Wikipedia)
Die Gelbe Kaserne in Aachen auf einer Postkarte um 1914 (Wikipedia)

Am 25. Mai 1940 wurde auch Josef Struwe, ohne dass er in kriegerische Kampfhandlungen verwickelt war, von Arnsberg wieder nach Hause geschickt. Er setzte seine Arbeit als „Schweizer“ (Facharbeiter in der Rinderhaltung) auf dem Hof des Gutsbesitzers Josef Fredebeil zu Fredebeil (08) fort, die er im November 1936 begonnen hatte. Doch die Beschäftigung musste bereits nach einigen Monaten beendet werden: Am 1. April 1941 packte Josef sein Bündel, da er den Befehl erhielt, sich als Reservist in der „Gelben Kaserne“ (09) in Aachen beim Infanterie-Ersatzbataillon 328 (10) einzufinden.  

Während seines Aufenthalts in Aachen musste Josef an einigen Wehrübungen teilnehmen. In Erinnerung geblieben war ihm ein Geländemarsch bei großer Hitze. Mit voller Ausrüstung musste gut vierzig Kilometer von Aachen bis nach Elsenborn (11) marschiert werden. Dieser Tagesmarsch überforderte die Soldaten und brachte manche Kameraden bis an ihre körperlichen Grenzen. 

 

 

Das Unternehmen „Barbarossa“ war der Anfang vom Ende

 

Am Morgen des 22. Juni 1941 begann der Vormarsch auf Russland von 121 deutschen Divisionen auf der 2130 km breiten Ostfront zwischen der Ostsee und dem Schwarzem Meer. Die Invasionsstreitmacht bestand aus drei Millionen deutschen Soldaten und weitere 600.000 Soldaten aus Italien, Ungarn, Finnland, Rumänien und der Slowakei.

Josef Struwe (Mitte) im Waggon während der Truppenverlegung nach Polen
Josef Struwe (Mitte) im Waggon während der Truppenverlegung nach Polen

Josef war als Bauernsohn die Arbeit mit Pferden vertraut und für den Wehrdient im Pferdepark geeignet. Deshalb wurde er zu Jahresbeginn 1942 zum Armeepferdepark 526 im Wehrkreis VI (12) versetzt. Jede Armee verfügte über mindestens einen Pferdepark, die den beweglichen Ersatz an Pferden hielten und zum Decken des Bedarfs der Truppen diente. Der Vorrat an Pferden, wie Reitpferde, leichte und schwere Zugpferde, wurde hier durch geheilte Pferde aus den Pferdelazaretten und durch Nachschub gefüllt, u.a. durch sogenannte „Aushebungen“ (Pferde-Einberufungen) im Lande. 

 

 

Es geht für ihn gen Osten

 

 

Josefs Kompanie wurde an die Ostfront in Marsch gesetzt und nach Südpolen verlegt, in die Stadt Jaroslau. Die war während des deutschen Überfalls auf Polen durch einen Luftangriff am 9.und 10. September 1939 eingenommen worden (13). Weiter ging es bis in den Nordkaukasus in die russische Stadt Pjatigorsk, die von der Wehrmacht besetzt war (14). 

Zwei Söhne im Kriegsdienst: Josef Struwe und sein Halbbruder Willi Siepe
Zwei Söhne im Kriegsdienst: Josef Struwe und sein Halbbruder Willi Siepe

Aus Sorge um das Leben ihres Sohnes beantragte Josefs Mutter für ihn die „Verwendung in rückwärtigen Diensten in der Heimat“. Sie beabsichtigte damit, dass Josef zur „Heimatverwendung“ abkommandiert würde, denn auch Josefs Halbbruder Willi Siepe war zwischenzeitlich zum Kriegsdienst eingezogen worden. Sie erhielt jedoch eine für sie enttäuschende Mitteilung: Es seien nur noch rückwärtige Dienste an der Front, also kein Dienst in der Heimat möglich (15).

 

 

Nach Hause durchgeschlagen 

 

 

Nach der Schlacht um Stalingrad im Januar/ Februar 1943 und die Niederlage der deutschen Wehrmacht, die eine Wende im Zweiten Weltkrieg bedeutete, mussten die deutschen Truppen sämtliche Verteidigungslinien aufgeben und sich vollständig zurückziehen. Auch Josefs Einheit trat überstürzt von Pjatigorsk aus unter Verlust aller Pferde den beschwerlichen Weg in Richtung Westen an. 

Auf diesem, teilweise zu Fuß verlaufenen Rückzug, wurden russische Städte passiert, die zuvor von den Deutschen umkämpft und besetzt, jetzt aber von der Roten Armee befreit waren, so wie Armawir. Die Stadt erlitt große Zerstörungen während der deutschen Besetzung, die von August 1942 bis Januar 1943 dauerte. Auch Krasnodar, weiter westlich gelegen, war im August 1942 von der deutschen Wehrmacht eingenommen und am 12. Februar 1943 von den Russen zurückerobert worden. Der achtzig Kilometer westlicher, am Mündungsgebiet des Flusses Kuban gelegene Ort Slawanskaja (heute: Slawjansk-na-Kubani) war zwischen Sommer 1942 und Frühjahr 1943 von deutschen Truppen besetzt, die im Rahmen der „Operation Blau“ während der gescheiterten Kaukasus-Offensive in Richtung Südosten vorgerückt waren. Bis hierhin schlug sich Josefs Truppe durch, musste zu Fuß den zugefrorenen Fluss überqueren und erreichte schließlich in einem Flugzeug die Halbinsel Kertsch (16), die das östliche Ende der Halbinsel Krim bildet. Kertsch war zu diesem Zeitpunkt noch unter deutscher Besatzung, sodass Josef Struwe mit seinen Kameraden von dort mit dem Zug in die ukrainische Hafenstadt Cherson und weiter in die Heimat gelang. 


Josef Struwe irgendwo im Osten, fern der Heimat
Josef Struwe irgendwo im Osten, fern der Heimat

 

Im Sommer in der Heimat

 

Den Sommer 1943 verlebte Josef Struwe in seiner Heimat. Ihm wurde Fronturlaub gewährt, während seine Einheit in der ehemaligen Gneisenau-Kaserne in Minden- Gehlenbeck neu aufgebaut wurde. Er genoss die Arbeit zuhause in der Landwirtschaft. Es half ihm, sich von den angstvollen Gedanken abzulenken, dass ihn bald wieder „der Ruf zur Waffe“ ereilen würde. 

 

In diesem Sommer kämpfte die Wehrmacht an allen Fronten. Anfang Juli ereignete sich die größte Panzerschlacht der Geschichte in der Schlacht um Kursk, worauf die Russen eine Großoffensive gegen die Deutschen startete, die sich nahezu auf die gesamte Ostfront ausweitete. Mit Hilfe eines immensen Artillerieeinsatzes durchbrachen die Sowjets an sämtlichen Frontabschnitten die deutschen Stellungen. 

 

Gleichzeitig landeten die Alliierten auf Sizilien und stießen ins Landesinnere vor. Die dort stationierten italienischen und deutschen Soldaten konnten sie trotz heftigen Widerstands nicht aufhalten. Mitte August 1943 war Sizilien besetzt und erste Luftangriffe der Alliierten auf Rom löste in Italien, was bis dahin an der Seite Deutschlands kämpfte, große Bestürzung aus, die sich alsbald in eine revolutionäre Stimmung wandelte. Mussolini wurde die Gefolgschaft gekündigt und verhaftet. Geheimverhandlungen zwischen Italien und den Alliierten führten zu einem Waffenstillstand, der am 8.9.1943 verkündet wurde. 


Über die Alpen nach Italien

 

Die von der deutschen Wehrmacht vorbereiteten Gegenmaßnahmen traten unverzüglich ein. So gelang es durch Verlegung deutscher Verbände von der Ostfront nach Italien, dass ein schneller Vormarsch der Alliierten durch Italien verhindert werden konnte. 

Mit der Verlegung von Josefs Einheit über die Alpen nach Italien Anfang September 1943 endete auch sein Heimaturlaub. Regionen und Städte, deren klangvolle Namen heute den Italien-Urlaubern mehr als geläufig sind, waren jetzt die militärischen Ziele seiner Heerestruppe. Über die Region Lombardei mit den Städten Bergamo und Brescia rückten sie bis in den Süden nach Rimini vor. Von dort mussten sie bis Verona zurückweichen um wieder über Monzecano bis nach Imola vorzustoßen. Die Gegend um Imola spielte als Teil eines größeren Verteidigungssystems, das vom deutschen I. Fallschirm-Korps und anderen Verbänden gehalten wurde, eine bedeutende Rolle. Es gelang die Entwaffnung und Gefangennahme der italienischen Streitkräfte in Nord-Italien, sowie die Besetzung Roms durch deutsche Truppen. Das Land wurde durch die militärische Lage faktisch geteilt.

Die Aufgabe von Josef Struwe in seiner Einheit war, die Verpflegung der Soldaten an die Front zu bringen. Das war eine logistische Herausforderung, denn frische Lebensmittel waren wegen der schwierigen Bedingungen weniger geeignet. Die Soldaten erhielten die Grundnahrungsmittel, wie Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse in Konservendosen, getrocknete Lebensmittel sowie „moralische Nahrungsmittel“, wie Schokolade. Die Verbringung der Lebensmittel an die kämpfende Einheit war eine Herausforderung für Josef, da vielerorts schlechte Wege und unwegsames Gelände zu den Frontlinien führten. So geschah es, dass eines Tages bei einer Essensfahrt Josefs Lieferwagen verunglückte, in einen Graben kippte und fahruntüchtig wurde. 


Bestraft und geehrt

 

Der knurrende Magen seines Kommandeurs wird wohl daran schuld gewesen sein, dass Josef nun in ein anderes Regiment strafversetzt wurde. Ab September 1944 diente er in der 4. Kompanie des Infanterie-Regiments 715, die in dieser Zeit den Raum Imola – Faenza erreicht hatte und in Abwehr- und Stellungskämpfen eingesetzt war, an denen auch Josef Struwe teilnehmen musste. Dafür erhielt er eine Ehrung, indem ihm am 28.12.1944 das Eiserne Kreuz 2.Klasse für Tapferkeit verliehen wurde. Wertvoller war für ihn aber der mit der Auszeichnung verbundene Sonderurlaub. Zur Jahreswende trat Josef seine Heimreise, die über den Brenner führte, an. Drei Wochen zuhause: Am 10. Januar traf er daheim ein, doch am 30. des Monats musste er sich von der Mutter verabschieden. Er tröstete sie, das Ende des Krieges bereits vor Augen, mit den Worten: „Was soll mir schon passieren? Dann bin ich beim Ami.“ Zehn Tage später meldete er sich bei seiner Division zurück. Er konnte nicht ahnen, welche unerwarteten Ereignisse ihn noch ereilen würden. 

 

Ein sowjetischer Panzerangriff 1943 (Foto: Deutsches Historisches Museum Berlin)
Ein sowjetischer Panzerangriff 1943 (Foto: Deutsches Historisches Museum Berlin)

Das Schicksal der 715. Infanterie-Division

 

Bereits Ende Februar, Anfang März 1945 kam die Order, dass die 715. Infanterie-Division von Italien über Böhmen an die Ostfront verlegt werde. Ihr Kommandeur war Hanns von Rohr, der erst am 1.12.1944 in Italien zum Generalmajor befördert war. Die Verlegung ging über Verona nach Prag. Kaum dort eingetroffen, weder einsatzbereit noch entsprechend bewaffnet, wurde Josefs Division trotz Protest des Kommandeurs gegenüber Generalleutnant von Treckow in die Schlacht geworfen. Sie bestritt aussichtslose Abwehrkämpfe in Oberschlesien, das bereits im Januar fast vollständig von der Roten Armee eingenommen wurde. Städte, wie Loslau, Kattowitz, Ratibor, die heute zu Polen gehören, wurden von den Rotarmisten in Brand gesetzt und zerstört. Die Russen vergingen sich an der Bevölkerung durch Vergewaltigungen und Vertreibung. Sie plünderten und raubten. Für Hanns von Rohr, im thüringischen Sondershausen geboren, wurde später fälschlich nachgesagt, er hätte mit der Verlegung seiner Division seine schlesische Heimat retten wollen. Für ihn, der 1945 in polnische Kriegsgefangenschaft kam, hatte schon während der aussichtlosen Kämpfe Strafmaßnahmen, wie das Ablegen aller Orden über sich ergehen lassen müssen. Er hatte sich hartnäckig geweigert, Soldaten seiner Kampfgruppe erschießen zu lassen, die vor sowjetischen Panzern getürmt waren. 

Der Kommandeur der 715. Inf.Division Hanns von Rohr
Der Kommandeur der 715. Inf.Division Hanns von Rohr

Rückzug und Gefangenschaft

 

Josefs Einheit musste sich aus dem umkämpften Oberschlesien nach Böhmen zurückziehen. Im Raum östlich von Prag wurden sie durch drei sowjetische Fronten eingekesselt und zur Kapitulation gezwungen. Um nicht in russische Kriegsgefangenschaft zu geraten, versuchte Josef mit einigen Kameraden auf einem Lastwagen nach Westen durchzukommen. Sie wollten zu den Amerikanern, da es bekannt war, dass diese zu ihren Gefangenen größere Humanität wahrten. Ihr Vorhaben scheiterte jedoch am 10. Mai 1945. Im Ort Deutschbrod, heute Havlíčkův Brod in Tschechien, wurde Josef Struwe zusammen mit vielen deutschen Soldaten, die auf der Flucht von Mähren nach Westböhmen waren, von den Russen gefangen genommen. Wochenlang mussten sie im Freien campieren bis sie nach langem Marsch in ein Sammellager nach Olmütz (17), ein ehemaliges Fabrikgebäude, gesteckt wurden. Schon Ende Mai kam Josef mit einem Gefangenentransport in das Konzentrationslager Auschwitz. Da, wo die Deutschen bis zu 1,5 Millionen meist jüdische Menschen gequält und umgebracht hatten, nutzen es nun die Russen als Gefangenenlager für deutsche Soldaten. 

Mitte Juni 1945 wurde Josef mit anderen Gefangenen in einen Waggon verfrachtet: Nasser Bretterboden, in der Mitte ein Holzofen. An der Stirnseite mehrere Holzpritschen auf zwei Etagen. Neben der Tür ein Loch für die Notdurft. In der Decke ein schmales Fenster, zusätzlich abgesichert mit Stacheldraht. Schätzungsweise 40 bis 50 Mann passen in den Waggon, darunter ist auch Paul Steenbock aus Hamburg, von Beruf Klempner. 

Mehrere Tage dauerte der Transport und führte über Leningrad ins fast 3000 Kilometer entfernte Murmansk am nördlichen Polarkreis. Hier hatten vorher deutsche Soldaten vergeblich versucht, die Stadt zu erobern. Sie wollten der russischen Armee den Versorgungsweg abschneiden. Stattdessen wurde jetzt dort für deutsche Kriegsgefangene die Gefangenenlager 363 und 448 eröffnet, in denen Josef Struwe 2 ½ Jahre verbringen würde, - bis ihn ein weiteres schweres Schicksal traf. 


Szene KI generiert nachempfunden!
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Sein Bruder hatte Glück

 

Josefs Halbbruder Willi Siepe befand sich in den letzten Kriegstagen mit einer großen Zahl Kameraden am Ostufer der Elbe. Sie alle wollen auf die andere, westliche Flussseite und sehen dort am anderen Ufer einige Boote liegen, mit denen sie alle nach und nach über den Fluss holen wollen. Sie finden einen morschen Kahn, mit dem es gelingt, die Elbe zu überqueren und die Boote herüberzuholen. Das bleibt nicht unbemerkt und Willi fällt mit anderen Kameraden in die Hände der Amerikaner. Seine Gefangenschaft währte jedoch nicht lange. Noch im Sommer 1945 wurde Willi Siepe entlassen und konnte in die Heimat zurückkehren. 

 


Überleben im Gefangenenlager in Murmansk

Szene KI generiert nachgestellt
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Als der Gefangenentransport an seinem Ziel, dem Lager in Murmansk, eintraf, zeigten sich erbarmungswürdige Verhältnisse vor Ort. Nicht jeder Gefangene hatte die Möglichkeit, in einer Baracke untergebracht zu werden, sodass viele unter freiem Himmel campieren mussten. Bevorzugt wurden Gefangene, die einen handwerklichen Beruf beherrschten oder anderweitig von Nutzen sein konnten. Josef gehörte als Landwirt zu den weniger bevorzugten Berufsgruppen. Als ihm das bewusst wurde, zog ihn Paul Steenbock freundschaftlich zur Seite und riet ihm, von nun an Handwerker zu sein, der Bleche hämmern könne. So wurden beide in einer Schmiede zum stundenlangen Hämmern von Ofenrohren eingesetzt. Der Lärm war ohrenbetäubend, sodass Josef die nächste Gelegenheit wahrnahm, in die Lager-Wäscherei zu wechseln. Zeitweise wurde er auch zum Holzfällen auf der Halbinsel Kola eingesetzt. Zwischenzeitlich erkrankte Josef an der Ruhr, ausgelöst durch Bakterien und Parasiten im Lager. Harte Arbeit war auch das Entladen der Fischfangschiffe im Hafen von Murmansk. 

Da die Verpflegung der Gefangenen nur dürftig war, litten diese ständig am Hunger. Die Arbeit am Hafen ließ es zu, dass man heimlich von den Fischen nahm und eilig in Papier von leeren Zementsäcken wickelte. Dann garten sie die Fische auf heißen Heizungsrohren um sie zu essen. 

 

Verrat anstatt Dankbarkeit und eine Fahrt ins Ungewisse

 

Für Kameraden, die diese Möglichkeit nicht hatten, schmuggelten sie Fische ins Lager. Bei ihrer Rückkehr wurden die Gefangenen durch Zählappell durchsucht. Da dieser stets in alphabetischer Reihenfolge durchgeführt wurde, bestand für Josef Struwe genügend Zeit, das mitgebrachte Diebesgut rechtzeitig verschwinden zu lassen. Die Kollegen waren ihm dafür dankbar. Dennoch war es ein deutscher Mitgefangener, der ihn beim Wachpersonal verriet. Es handelte sich um einen Friseur aus Schlesien, der für die Russen Spitzeldienste leistete. Dessen Namen konnte Josef zu seinen Lebzeiten nie vergessen.

 

Am 4. Februar 1948 wurde Josef im Lager 448 verhaftet und ins Gefängnis Nr. 1 in Murmansk abtransportiert. Am 18. Februar kam er vor ein Straftribunal des sowjetischen Militärgerichts und wurde zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Bereits am folgenden Tag musste er Murmansk verlassen. Er wurde streng bewacht. Wochenlang, quer durch Russland, tausende Kilometer und eine endlos scheinende Fahrt führte ihn ins berüchtigte Straflager („Besserungslager“) Karlag in der Stadt Karaganda in Kasachstan. Josef kam an, gefühlt am Ende der Welt, von der langen Reise geplagt und ausgehungert. Er traf hier auf Kriegsgefangene, die von den Russen als „deutsche Faschisten“ verurteilt waren, aber auch Russen und Angehörige anderer Nationalitäten, die sich zweifelhafter Vergehen schuldig gemacht hatten.   


Der "Webers" Hof in Beisinghausen, Josefs Heimat im Sauerland auf einer Zeichnung (Der Künstler ist unbekannt).
Der "Webers" Hof in Beisinghausen, Josefs Heimat im Sauerland auf einer Zeichnung (Der Künstler ist unbekannt).

Lageralltag in Karaganda

 

In Karaganda wurden einige Strafgefangene in Erdbunkern untergebracht. Josef schläft mit einigen Insassen in einer Holzbaracke: Darin stehen Doppelstock-Betten, ein bis zwei Tische, ein paar Stühle, ein gemauerter Ofen und Wanzen. Um denen zu entkommen, schlafen viele im Sommer nachts draußen.

 

Josef wurde in der Landwirtschaft eingesetzt, bei extremem Wetter in der kasachischen Steppe: Bis zu 45 Grad wird es in den Sommermonaten heiß. Im Winter hingegen sinken die Temperaturen bis auf minus 45 Grad. Das Lager ist mit einem drei Meter hohen und Stacheldraht bewehrten Bretterzaun abgesichert, doch bei diesen Temperaturen war jede Flucht zum Scheitern verurteilt. Ab minus 25 Grad durfte niemand die Baracke verlassen. Ansonsten bestimmte die Arbeit den Alltag im Lager. Es herrschte militärische Zucht und äußerste Strenge. „Nach dem Abendessen fand täglich ein Appell statt. Ein Trio musste musizieren. Andere mussten zackig im Lager marschieren und dazu Lieder singen. Auf das Kommando 'Weg marsch, marsch' hieß es rasend schnell in die Baracken zu verschwinden“, wusste ein Lagerinsasse aus Karaganda später zu berichten. 

 

Keinen Kontakt zur Außenwelt

 

Hatte Josef im Frühjahr 1946 aus Murmansk erstmals eine kurze Nachricht über seinen Aufenthalt an seine Familien senden können, so war es ihm nun nicht mehr gestattet, Briefe zu schreiben. Ein aus dem Gefangenenlager entlassener Kamerad, der von seiner Verurteilung und der darauffolgenden Verlegung wusste, informierte Josefs Mutter darüber, konnte aber über dessen neuen Aufenthaltsort keine Angaben machen. So bestand daheim aus Unkenntnis über Josefs Verbleib große Sorge: Was musste er wohl an Leib und Seele erdulden? Ob Josef noch lebte? Fragen über Fragen, die keine Antwort fanden. 

Josef erkrankte 1949 an einer Rippenfellentzündung. Ursache war wahrscheinlich eine nicht erkannte Tuberkulose-Infektion, die er sich im Lager zugezogen hatte.   

Im Frühjahr 1949 stellte seine Mutter einen Antrag auf Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, der über das Schwedische Rote Kreuz nach Moskau weitergeleitet wurde. Ein Jahr später, auf Karfreitag 1950, wurde eine Amnestie ausgesprochen, die auch Josef die Freiheit schenkte.  


Endlich nach Hause

Auf Schienen erfolgte der Rücktransport nach Deutschland. Die Fahrt ging über Brest-Litowsk im heutigen Belarus. Bei einem Aufenthalt in einem Bahnhof in Russland trifft Josef auf einen ehemaligen Bewacher. Seine Unterhaltung mit diesem gleicht einem Verhör, das ihn verunsichert. Danach verlässt er nur selten den Eisenbahn-Waggon. In Frankfurt/Oder erreicht er deutsches Gebiet. Die Fahrt geht weiter über Leipzig und Heiligenstadt. Am 24. April 1950 trifft Josef über den innerdeutschen Grenzübergang Herleshausen im Durchgangslager Friedland ein. Tags drauf steigt er in den Zug nach Dortmund ein und findet sich schließlich auf dem Bahnhof in Wenholthausen wieder. Hier muss er aussteigen, da der Streckenabschnitt in Richtung Fredeburg nach kriegsbedingten Zerstörungen noch unbefahrbar war. 

Josef hatte die Absicht, zu Fuß des Weges zu gehen. Doch beim Verlassen des Bahnhofs erklingt eine für ihn nicht unbekannte Stimme: „Jossef, bis diu et?“ Sein „Stief-Vetter“ Johannes Siepe hatte ihn erkannt und telefonierte sofort nach Beisinghausen ins Haus von Anton Wiese. Der hatte den einzigen Telefonanschluss als öffentlichen Fernsprecher im Dorf. Josef Wiese, der Onkel, nimmt den Anruf freudig entgegen und informierte sofort seine Nachbarin Aloysia Wiese, Schwester des Heimkehrers. Diese eilte ins Nachbarhaus und überbringt ihrer Mutter die freudige Nachricht, auf die sie seit fünf Jahren gewartet hatte. 

 

Dann wurde es hektisch im Dorf: Der Schwager, der Schmied Josef Wiese startet sein Motorrad um nach Wenholthausen zu fahren. Doch dieses versagt unterhalb des Dorfes bereits seinen Dienst. Jetzt wurde der Taxi-Unternehmer Schraub aus Reiste angeheuert, um Josef Struwe aus Wenholthausen abzuholen. Der alte Klöpper, Josef Göddecke aus Beisinghausen geht zur Nachbarin Maria Gödeke: „Marri, mass luien, de kleine Werwer is wier do!“ (auf Hochdeutsch: „Maria, du musst läuten, der kleine Weber ist wieder da!“). Nur zu gerne kam sie seiner Aufforderung nach. Wohl selten wurde so heftig am Glockenstrang der St. Margaretha-Dorfkapelle gezogen. Die Freude war allgemein groß im Dorf Beisinghausen und es wurde kräftig gefeiert an diesem Abend der späten Rückkehr von Josef Struwe. 


Der herzliche Empfang zuhause wurde mit Fotos (leider schlechte Qualität) festgehalten. Die überglückliche Mutter umarmt ihren heimgekehrten Sohn. (Fotos bearbeitet und koloriert)


Dennoch lag noch ein Schatten über dieser Freude, denn allen war bewusst: An diesem besonderen Tag im April 1950 warteten noch Abertausende von Kriegsgefangenen in Lagern fernab ihrer Heimat auf ihre Heimkehr. Die Tageszeitung berichtete kurz von Josefs Rückkehr und endete vielsagend mit den Worten: „Mögen auch die übrigen Vermissten des Dorfes recht bald aus dem Dunkel der Ungewissheit auftauchen.“ 

 

Erst Jahre später, im September 1955 reiste Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau zu Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung. Das Ergebnis war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen gegen Freilassung der restlichen Kriegsgefangenen aus russischen Lagern. Am hessischen Grenzbahnhof Herleshausen wurden am 16. Januar 1956 die letzten aus sowjetischen Lagern heimkehrenden Kriegsgefangenen in Empfang genommen. Ungefähr zwei Millionen Gefangene kehrten aus der Sowjetunion zurück; 1,3 Millionen Gefangene gelten als verstorben oder vermisst.

 

Die Sprachlosigkeit traumatisierter Menschen 

Themenbezogenes KI generiertes Bild: Ein Kriegsheimkehrer kommt zurück in sein sauerländisches Dorf
Themenbezogenes KI generiertes Bild: Ein Kriegsheimkehrer kommt zurück in sein sauerländisches Dorf

Hohle Blicke, Augen die stumm und starr ins Leere schauen: Das sehen wir beim Betrachten der Fotos von Soldaten, wie sie aus einem Krieg nach Hause zurückkehrten. Viele dieser Heimkehrer waren noch viele Jahre danach außerstande, davon zu erzählen, was sie erlebt haben. War es ihre Wut, ihre Hilflosigkeit oder ihrem Entsetzen darüber, was sie sprachlos machte? Was sie in ihrem Inneren empfanden, konnten viele nicht mit ihrer Sprache ausdrücken oder wollten das nicht mit anderen teilen. Nur wenige sahen sich imstande, das was sie empfanden, in Worte auszudrücken. Denn wenn das Erlebte weit außerhalb jeglicher Norm ist, gibt es hierfür auch keine Sprache. 

 

Doch im Laufe der Zeit entwickeln die meisten traumatischen Menschen eine Version ihrer Geschichte, die sie preisgeben konnten und verschwiegen dennoch, was sich wirklich zugetragen hat. Die Erinnerung wurde in ihren Erzählungen verklärt; mit Nebel umhüllt zum eigenen Schutz.  

 

Josef Struwe hatte seinen Weg gefunden, das Geschehene für sich zu verarbeiten indem er seinen Kindern berichtete. Nur so konnte seine Geschichte hier in einem Aufsatz erzählt werden. 

 

Er fand auch zurück ins Leben und heiratete im Alter von fast 39 Jahren am 14. Mai 1952 die zehn Jahre jüngere Maria Engelhard aus dem Nachbarort Nichtinghausen. Aus ihrer Ehe gingen die Kinder, Maria, Josef und Ida hervor. 

Noch Jahre später, im Jahre 1966, erkrankte Josef Struwe an offener Lungentuberkulose, eine Folge seiner Infektion im Straflager von Karaganda. Zehn Monate verbrachte er in der Lungenheilstätte Stillenberg in Warstein, während der Hof mit großer Unterstützung der Nachbarn weitergeführt wurde.

 

Josef Struwe starb im hohen Alter von 86 Jahren am 8. September 1999. 

 


Erläuterungen:

 

01. Kasachstan, ein zentralasiatisches Land und ehemalige Sowjetrepublik, erstreckt sich vom Kaspischen Meer im Westen bis zum Altai-Gebirge an seiner östlichen Grenze zu China und Russland. 

02. Der „Weber“-Hof in Beisinghausen war ein Freigut und wird erstmalig im Jahre 1522 urkundlich erwähnt: Hans Wefer bezahlt an die Kapelle zu Beisinghausen 4 ½ Current-Gulden und 1 Rader-Weißpfennig (Rentenregister im Pfarrarchiv Reiste in einem Heft alter Urkundenabschriften, S. 29) Urk. 13.07.1656. Dass „Hanß Weuer“ sein Freigut gekauft hat, wird im Schatzungsregister von 1563 erwähnt. Er zahlte 1 ½ Goldgulden. 1666 verkaufen Vater Diderich und sein Sohn Johan Weber zu Beisinghausen an den Churfürstlichen Gerichtsschöffen Hermann Lohmann und Margarethe seiner Hausfrau einen Anteil eines Berges vor dem Richter zu Eslohe und Reiste, dem Hermann Pape zu Marpe. Zeugen waren Eberhard Schulte zur Landenbeck und Jobst Schulte zu Sallinghausen (Urkunde auf dem Lohof). Auch kommt es im Jahre 1689 zu einem Landverkauf: Johann Wefer und Enneke, seine Hausfrau, sowie Hermann Wiese und Agatha, seine Hausfrau, beide zu Beisinghausen, bekunden, dass sie dem Diederich Cordes, gnt. Frisse zu Reiste und Margarethe seiner Hausfrau ein Land an der Hausschladen verkauft haben (Original-Urkunde bei Kenter-Frisse zu Reiste). Inmitten des 18. Jahrhunderts kommt der Hof in Schulden, sodass größere Teile von „Webers“-Gut verkauft wurden (Hinweis aus Chronik von Reiste, 2001 von Klaus-Jürgen Lauber). Franz Weber (geb. 07.10.1769, gest. 18.06.1838) war kinderlos und übertrug seinen durch Verkäufe verkleinerten Resthof mit nicht getilgten Schulden durch Übergabevertrag vom 28.02.1837 an den Bernhard Josef Struwe gnt. Henrichs, gebürtig aus Niederreiste. Seitdem steht „Webers Hof“ in Beisinghausen im Besitz und Eigentum der Familie Struwe. Das Wohnhaus, heute: Beisinghausen Nr. 12, wurde am 19.07.1862 errichtet. Erbauer war Franz Joseph Struwe gnt. Weber, geb. am 01.12.1839 in Beisinghausen, der später als Rendant (Verwalter der politischen Gemeinde Reiste) genannt wurde. 

03. Die "großmäulige Politik" im Zweiten Weltkrieg bezieht sich auf die aggressiven außenpolitischen Bestrebungen des NS-Regimes, die auf Expansion und Vormachtstellung in Europa zielten. Dies beinhaltete die Verletzung von Verträgen, die Annexion von Gebieten und letztendlich den Angriff auf Polen, der den Krieg auslöste. 

04. Das schlesische Görlitz diente hauptsächlich Ausbildungsverbänden. Erst 1945 kamen Einsatzverbände hinzu. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 stieg die Bedeutung von Görlitz als Garnisonsstadt wieder. Sie war Standort des Infanterie-Regiment 30, welches sich am Überfall auf Polen und weiteren Feldzügen während des Zweiten Weltkrieges beteiligte. Die Ausbildung der drei Sauerländer war in der ehemaligen Jägerkaserne, heute das Rathaus von Görlitz. 

05. Zur Grundausbildung in den zwölf Wochen gehörte die Waffen- und Schießausbildung am Karabiner, möglichst auch an der Pistole und Handgranate, Grundtätigkeiten im Gefechtsdienst, wie Sicherung, Marsch zu Fuß, Verteidigung von Stellungen, Wachausbildung, Verhalten bei Einsatz von chemischen Kampfstoffen. 

06. Das Gelände der Wehrmacht in Arnsberg/ Hammerweide wurde am 10. März 1945 durch Luftschläge der Alliierten zerstört. Nach dem Krieg wurden hier die Fertigungshallen für die Herstellung der „Kleinschnittger“ Autos errichtet. 

07. Ein "fingierter Vorwand" ist ein erfundenes oder vorgeschobenes Argument, das verwendet wird, um eine Handlung oder ein Verhalten zu rechtfertigen oder zu verbergen, das eigentlich auf anderen, meist unethischen oder illegalen Gründen basiert. Im Wesentlichen ist es eine Lüge, die verwendet wird, um etwas anderes zu erreichen. Ein Beispiel ist das Attentat von Gleiwitz: Die SS fingierte 1939 einen Überfall auf den Sender Gleiwitz in Polen, um Deutschland einen Vorwand für den Überfall auf Polen und den Beginn des Zweiten Weltkriegs zu geben.

08. Josef Fredebeil zu Fredebeil wurde am 1.2.1901 in Fredebeil geboren und starb daselbst am 19.9.1971. Er war mit Therese, geborene Kotthoff aus Mosebolle, verheiratet. 

09. Aus Wikipedia: Die Gelbe Kaserne war ein imposanter Gebäudekomplex im Ostviertel von Aachen, dessen Name sich auf seine gelbe Klinkerfassade bezieht. Das Bauwerk wurde von der damaligen preußischen Regierung außerhalb des Aachener Stadtkerns 1882 errichtet. In den 1960er-Jahren wurde es im Zuge des Baus neuer Wohnkomplexe abgebrochen. Im Verlauf ihrer wechselvollen Geschichte war die Gelbe Kaserne abwechselnd von mehreren militärischen Verbänden sowie Polizeieinheiten genutzt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente sie als Notquartier für die aus der Evakuierung zurückkehrende Aachener Bevölkerung. 

10. Das Bataillon wurde am 6. September 1939 in Erkrath bei Düsseldorf, Wehrkreis VI, aufgestellt. Das Infanterie-Ersatz-Bataillon 328 unterstand der Division 156 und stellte den Ersatz für die 227. Infanterie-Division. Am 5. Oktober 1939 wurde das Bataillon nach Münster, danach Thorn, nach Bonn, dann nach Düren verlegt. Bereits am 28. November 1940 wurde das Bataillon erneut verlegt, diesmal nach Aachen, ebenfalls Wehrkreis VI. 

11. Aus Wikipedia: Der Truppenübungsplatz Elsenborn ist ein militärisch genutztes Gelände nördlich des Ortes Elsenborn in Belgien, eines Ortsteils der Gemeinde Bütgenbach in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Er ist ohne die zusätzlichen Sicherheitszonen 28 km² groß und wurde 1895 für das preußische VIII. Armee-Korps angelegt, als Elsenborn Teil der preußischen Rheinprovinz und damit Teil des Deutschen Kaiserreichs war. 

12. Zum Wehrkreis VI zählten die Wehrersatzbezirke Münster, Dortmund, Düsseldorf und Köln.

13. In der Stadt Jaroslaw und Umgebung fielen seit der deutschen Besetzung im Herbst 1939 bis 1945 etwa 10.000 Juden dem Holocaust zum Opfer. Erst im Juli 1944 zogen sich die deutschen Truppen vor der vorrückenden Roten Armee aus der Stadt zurück.

14. Das berüchtigte Einsatzkommando 12 der Einsatzgruppe D hatte 1942 in der Stadt Pjatigorsk (Nordkaukasus) ihren Sitz und ermordete dort zahlreiche jüdische Einwohner. Am 11. Januar 1943 wurde die Stadt von der Roten Armee befreit.

15. Es bestand eine Verordnung, die eine Heimatverwendung von einzigen Söhnen, deren Väter im Ersten Weltkrieg ihren Heldentod fanden, ermöglichte. Diese Regelung wurde spätestens Ende 1942 aufgehoben, sodass eine Versetzung zur Fronttruppe zur Regel wurde.  

16. Die gleichnamige Stadt Kertsch war hart umkämpft. Erstmals wurde sie nach hartem Widerstand im November 1941 von der Wehrmacht besetzt und die dort lebende jüdische Bevölkerung ermordet. Durch eine Seelandung der Roten Armee wurde Kertsch am 30.12.1941 zum sowjetischen Brückenkopf. Im Mai 1942 wurde die Stadt abermals von der Wehrmacht erobert, wobei schätzungsweise 28.000 sowjetische Soldaten getötet und 160.000 gefangen genommen wurden. Am 31.10.1943 scheiterte eine weitere sowjetische Seelandung. Die größtenteils zerstörte Stadt wurde von der Roten Armee am 11. April 1944 befreit. 

17. Olmütz ist die größte Stadt Mährens und war lange Zeit dessen Hauptstadt. Sie gilt heute gar als die schönste Stadt Tschechiens, als historisches Zentrum Mährens. 

 

 

Ich danke Josef Struwe, Jahrgang 1956 und einziger Sohn des Heimkehrers, für die für diesen Aufsatz zur Verfügung gestellten Informationen und Bilddokumente. 

 


"Ein Dorf ehrt seine gefallenen Söhne"

Das Kriegerdenkmal in Beisinghausen


War es Zufall oder gar Fügung, dass ausgerechnet am Tag der Heimkehr des Josef Struwe in sein Elternhaus Arbeiter des Eberhard König vom Esloher Kupferhammer den Grundstein für ein Kriegerdenkmal in Beisinghausen legten? An diesem 25. April 1950 waren noch längst nicht alle Soldaten aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Dennoch bestand die Hoffnung, dass auch sie wohlbehalten in ihr Heimatdorf zurückkehren. 

 

An diesem Ort, an der Wegegabelung zum alten Kirchweg nach Reiste, der Eikweg (Weg an den Eichen) genannt wird, stand ein altes verfallenes Heiligtum. Nun eignete sich dieser markante Standort vorzüglich zur Errichtung eines Denkmals für die Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege. 

 

In ehrfürchtiger Achtung frommer Vätersitten wurde nun mit Hilfe eines großen Idealisten (gemeint war der Unternehmer Eberhard König, der damals in Beisinghausen wohnte) und in Einmütigkeit der Bürger dieses Denkmal der Einigkeit errichtet“, so berichtete mit hehren Worten die Westfalenpost am 4. November 1954. 

 

Den Entwurf für dieses Denkmal zeichnete ein ansässiger Künstler, der selbst im Krieg verwundet wurde. Unentgeltliche Arbeit leisteten einige Unternehmer, so für Zimmerarbeit und Eindeckung mit heimischem Schiefer. Letzteres leistete die Fachschule der Dachdecker in Eslohe. 

Im Giebel steht das russisch-orthodoxe Doppelkreuz als Sinnbild dafür, dass die meisten Gefangenen im Osten ihr Leben lassen mussten. In Bleiverglasung findet sich seitlich jeweils ein kleines farbiges Fenster. Einem Flügelaltar ähnlich sind die in Bronze gegossene Tafeln, auf denen jeweils die Opfer des ersten und zweiten Krieges benannt sind. Inmitten einer Nische befindet sich die Figur der „Schmerzhaften Muttergottes“ mit ihrem toten Sohn auf dem Schoße. 

 

Neben dem Kapellchen wurde ein kleiner Glockenturm, auch Kampanile genannt, errichtet. Er trägt die Inschrift: „Friede ernährt, Unfriede verzehrt – 1945“. Der Zeitungsbericht endete mit den Worten: „Mit hellem Silberklang verkündet sie (die Bronzeglocke) jeweils zur stillen Stunde des Feierabends den Todestag eines Soldaten. Im Stil zeitlos, gedenkend und mahnend, steht nun dieses Ehrenmal da zur Zierde des Dorfes für Generationen“. 

 

Heute wie damals wird das Kriegerdenkmal von den Dorfbewohnern gepflegt. Frischer Blumenschmuck zeugt davon, dass die Opfer der beiden Kriege, die schmerzvoll aus der Mitte der Dorfgemeinschaft Beisinghausen gerissen wurden, nicht vergessen sind.