Die Suche nach einem Phantom


Das Geheimnis der Alten Petschaft

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(C) Wilhelm Feldmann

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Das Geheimnis der alten Petschaft
Wir nennen es: "Die Walburg- Story"
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Im Sommer 2025, so konnte ich bereits auf dieser Website berichten, war für den Sondengänger Norbert Budziosz mit freudigen Überraschungen erfüllt, da er auf den Ackerflächen des Bauern Schulte in Eslohe einige unerwartete Funde machte. Überraschend legte sein Spaten auch einen alten Siegelstempel frei. Die Freude über diesen Fund erweckte den Forscherdrang, nachdem das seltene Fundstück von den Anhaftungen seines langen Schlafes im Untergrund gereinigt war. Petschaft nannte man den kleinen, handlichen Stempel, den man früher zum Versiegeln mit Wachs auf Dokumenten und Briefen nutzte. Doch was bedeuten die darin eingravierten Insignien und wer war die Person, die einst wichtig genug war, ein eigenes Siegel zu führen? 

Der Glücksfund

Der kurze Griff des kleinen klassischen Handsiegels besteht vermutlich aus Eisen oder Bronce; ist dunkel oxidiert. Die runde Stempelplatte besteht aus Messing und ein Loch im Griff diente wohl zum Durchziehen einer Kordel.  Das Material und das Loch für eine Kordel sind sehr charakteristisch für eine Gebrauchspetschaft. Dass man sie um den Hals trug, deutet darauf hin, dass sie ein ständiger Begleiter war.

Auf der runden Stempelfläche sind heraldische Symbole erkennbar. Es sind zwei gegenüberstehende Löwen dargestellt, die sich anschauen und spitze Gegenstände halten, die sich in der Mitte über einen weiteren Gegenstand kreuzen, den man scherzhaft als „Stehleuchte“ bezeichnen könnte. Darüber befindet sich eine dreibügelige Krone. 

Am Rand findet sich eine Inschrift. Wir entziffern mit etwas Mühe die Namen und meinen, „CHRISTIAN“ und „MARBURG“ zu erkennen. 

 

Zwischen Wachs und Wahrheit

 

Wir hatten recherchiert und waren bald sicher: Es handelt sich um den Zunftstempel oder Innungssiegel eines Gerbers, der die heraldischen Symbole der Gerber zeigt. Es sind die typischen Arbeitsgeräte dieses Handwerkes: Der als „Stehlampe“ bezeichnete Gegenstand ist eine senkrecht gestellte Gerberfalze, ein typisches Werkzeug der Gerber. Die gekreuzten Gegenstände sind nicht Schwerter oder Lanzen, sie sind schräg gekreuzte Schabmesser. Die Anordnung der Werkzeuge auf der Stempelfläche des aufgefundenen Siegelstempels findet sich gleichermaßen auf Zunft- oder Gildewappen des Gerber-Berufes in früherer Zeit. Die Krone symbolisiert die landesherrliche Privilegierung der Zunft und die Löwen als Schildhalter unterstreichen die Bedeutung und den Stolz des „ehrbaren Handwerks“ der Gerber. 

 



Die Geschichte hinter dem Namen –

Zwischen Vermutung und Wirklichkeit

Nicht eindeutig war, ob Christian aus Marburg stammte oder ob Marburg sein Nachname war. Vielleicht stimmte doch beides? Und wir nahmen Christians hessische Herkunft an, da Löwen und Krone typische Hoheitsabzeichen der ehemaligen Landgrafschaft Hessen-Marburg waren. Diese wurden verbreitet auch von Privatleuten in ihren Siegeln verwendet um ihre Herkunft zu unterstreichen. Wir gingen davon aus, dass der Zunftsiegel aus der Zeit Ende 18. Jhd./ Anfang 19. Jhd. stammt.

 

Vielleicht war Christian Marburg ein Händler, der in Eslohe auf Durchreise war um seine Lederware zu verkaufen. Vielleicht wollte er hier Eichenlohe aufkaufen, die in größerer Menge für die Herstellung von Leder benötigt wurde. In der geschälten Eichenrinde befindet sich der dafür benötigte Gerbstoff, den man Tannin nennt. 


Viele Händler waren damals jüdischer Abstammung, die um gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten, oft mit ihren Familien zum christlichen Glauben konvertierten. Da Juden keine erblichen Familiennamen kannten, wurde ihnen ab dem späten 18. Jahrhundert durch staatliche Gesetze die Wahl eines festen Nachnamens aufgezwungen. Es war häufig, dass sie den Namen des Ortes annahmen, in dem sie getauft wurden. Marburg wurde auf diese Weise wohlmöglich Christians Familienname, der gleichzeitig seine Herkunft zeigte. 


Die Illusion einer Spur - Fakten und Fiktion

Themenbezogen KI generiert: Der jüdische Händler
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Das Gerber-Gewerbe war in Marburg-Weidenhausen über Jahrhunderte hinweg prägend. Weidenhausen gilt als das historische Gerberviertel Marburgs. Die Ansiedelung dort hatte praktische Gründe, auch weil genügend Wasser vorhanden war. In der ersten Marburger Handwerksliste waren 24 Lohgerber verzeichnet. Auch ist der Nachname Marburg vor Ort nicht unüblich: Ein Johann Marburg wurde am 22.3.1682 als Schweinehirt vor dem Elisabethen Tor in Marburg angestellt. 

Die Entfernung von Hessen nach Eslohe im Sauerland bedeutete für den Händler Christian mindestens einen Tagesritt. Ob Eslohe sein Endziel war oder nur eine Zwischenstation? 

Zum Schultenhof in Eslohe gehörte damals das Wirtshaus „Zum goldenen Pflug“ mit Poststelle und Posthalterei, in der frische Pferde vor die Postkutsche gespannt wurden. Gäste, die dort einkehrten und übernachteten, ließen ihr Pferd füttern, tränken und einstallen. Möglich war, dass Christian hier auch auf seiner Reise Quartier nahm und sein Pferd unterstellte. Beim Absatteln riss die Kordel um seinen Hals und der Siegelstempel fiel unbemerkt in die Streu. Er wurde nicht aufgefunden und letzten Endes mit dem kostbaren Pferdedung auf den Acker gebracht. Der Fundort ist der Acker des Schulte in Eslohe und war ständig in dessen Eigentum. Deshalb konnte es doch so gewesen sein! 

 

Wir fragten an beim Stadtarchiv und beim Staatsarchiv in Marburg und hofften darauf, dass der Gesuchte in den historischen Unterlagen auffindbar war. Die Antworten waren ernüchternd und alles deutete zunächst auf eine Spur ins Leere hin. Ein Name ohne Gesicht, ein Siegel ohne Geschichte! Doch am Ende kam es zu einer überraschenden Wendung.


Die unerwartete Wahrheit des alten Siegels:  Zwei Buchstaben ändern die Geschichte

 

Noch einmal schaute Norbert Budziosz genauer durch die Lupe. Er fand heraus, dass man nur zwei kryptisch entstellte Buchstaben in Christians Nachnamen austauschen müsse: Aus „M R BURG“ wurde „L BURG“. Das erwies sich als entscheidendes Puzzlestück! Diesen Namen, Christian Walburg, fand sich in den Esloher Kirchenbüchern und plötzlich ergaben einzelne Fragmente ein Bild – und der Name bekam nicht nur eine Geschichte, sondern auch ein Gesicht:

 

Die Familiengeschichte der Walburgs in Eslohe beginnt an einem Samstag vor Pfingsten. Es ist der 18. Mai im Jahre 1793. Die Französische Revolution ist in einer entscheidenden Phase und die gerade ausgerufene „Mainzer Republik“, ein erster Demokratie-Versuch auf deutschem Boden, befindet sich bereits durch die Belagerung preußischer Truppen in Bedrängnis. Es ist eine Zeit politischer Instabilität als sich einige Bürger in der Pfarrkirche St. Peter und Paul am Taufbecken versammeln. 

Diese solidarisierten sich mit dem Täufling, einem jungen Mann, einem Juden aus Plettenberg, 21 Jahre alt. Mit diesem Taufakt vom Judentum zum Christentum wechselte er nicht nur seinen Glauben, sondern auch seinen Rechtsstatus. Er wurde vom „Schutzjuden“ zum christlichen Untertanen. Die Taufhandlung, ausgeführt vom Esloher Pfarrer Jacob Wilhelm Bette (1789 – 1800), war somit auch ein Verwaltungsakt. 

Offene Fragen, sechs Paten und ein neuer Name 

 

Warum führte des Täuflings Weg - von Plettenberg einen halben Tagesmarsch entfernt - in dieses Kirchdorf, ein Nest aus zwei Dutzend Häusern? 

Welche persönlichen Verbindungen pflegte der junge Mann hier zu den Bewohnern und findet man die Antwort in der Auswahl seiner Taufpaten? 

Diese waren allesamt geachtete Bürger im Esloher Kirchspiel und es fällt auf, dass sie Altersgenossen waren: 

 

- Max Stöwer (*Eslohe 1753 +Eslohe 1814), Küster und Schullehrer, Erbauer der heutigen „Domschänke“ in Eslohe, 

- Anton Peitz (*Niedersalwey 1750 +Bremscheid 1812), Rentmeister auf dem Rittergut derer von Bönninghausen in Bremscheid

- Johannes Schulte (*Eslohe 1757 +Eslohe 1826), Gutsbesitzer, Wirt und Posthalter, Erbauer des Wohnhauses auf dem Schultenhof in Eslohe, dessen Schwester 

- Maria Catharina Schulte (*Eslohe 1762 +Bockheim 1826), die auf den Hof in Bockheim einheiratete, 

- Johannes Jodokus Sternberg (*Oedingermühle 1764 +Sallinghausen 1809), eingeheirateter Müller in Sallinghausen und 

- Catharina Schulte, (*Bremke 1760 +Sallinghausen 1842) geborene Göbel gnt. Dömmecke aus Bremke, Ehefrau des Gutsbesitzers Anton Benedikt Schulte in Sallinghausen

 

 

 

Die Erwachsenentaufe von 1793: mit KI nachgestellt
Die Erwachsenentaufe von 1793: mit KI nachgestellt

Sechs Paten wurden seine Bürgen, die gegenüber der Kirche und dem Staat bestätigten, dass der junge Konvertit „würdig“ und „mündig genug“ für diesen Schritt sei. Vielleicht ersetzten sie auch die fehlende elterliche Zustimmung. Vielleicht wurde durch den Wechsel im Glauben das Band zu dessen leiblichen jüdischen Eltern zerrissen. Der Täufling brauchte neue Fürsprecher, Solidarität und Bürgschaft. Die ungewöhnlich hohe Zahl von sechs Taufpaten, Männer und Frauen, sprechen dafür. 

 

Und so erhielt der Täufling auch eine bemerkenswerte Anzahl von Vornamen: 

 

Maximilianus Franciscus Antonius Thaddäus. Vermutlich wurde er aber Franz Anton oder nur Anton gerufen. Der Getaufte wählte den Nachnamen Walburg und legte damit sein Schicksal in die Hände der Heiligen Walburga, die Schutzpatronin gegen Hungersnot, Pest und Stürme. Der Name drückte damit auch die Hoffnung auf spirituelle Heilung nach einem radikalen Lebensbruch aus und ist ein Bekenntnis zu christlichen Traditionen. 


In Eslohe fest verwurzelt

 

Franz Anton Walburg wurde Teil einer fest gewachsenen Dorfgemeinschaft und fand eine Anstellung im Esloher Justizamt als Amtsdiener. Mit der Schwester seines Taufpaten Max Stöwer, der Maria Elisabeth Stöwer, die in Eslohe am 19.11.1774 geboren war, ging Franz Anton Walburg am 23.04.1801 eine Ehe ein. Das Paar wohnte im Haus Schulte gnt. Köster und schon bald erwarteten sie die Geburt ihres ersten Kindes: Christan Walburg. Er ist der Inhaber des aufgefundenen Zunftstempels. 

 

Aus der zwischen Franz Anton Walburg und Maria Elisabeth Stöwer eingegangenen Ehe gingen vier Söhne hervor: 

 

01

Christian Thadäus Walburg

*30.01.1802

+Amerika

Paten: Ferd. Christian Höynck, kurfürstl. Richter und Maria Christina Schulte aus Eslohe

02

Friedrich Anton Walburg

*17.08.1804

+06.11.1804

Paten: Anton Schulte und Gertrud Meyer aus Eslohe

03

Johann Franz Walburg

*15.09.1805

+Amerika

Paten: Franz Stöwer aus Eslohe und Ursula Peitz aus Bremscheid

04

Franz Anton Walburg (jr.)

*12.05.1808

+13.10.1868

Paten: Franz Anton Hengesbach aus Hengsbeck und Gertrud Poggel

Ein Liebesverhältnis zu Eva Becker, Tochter des Joh. Becker aus Bödefeld, machte Franz Anton Walburg zum Vater eines fünften Sohnes: Johann Petrus Becker wurde als uneheliches Kind am 09.05.1809 in Niedersalwey geboren. Im Jahre 1841 bat dieser beim Esloher Pastor um einen Taufschein, um in Barmen heiraten zu können. 

 

Seine Ehefrau Maria Elisabeth Walburg, geb. Stöwer, starb am 06.04.1818 im Alter von nur 43 Jahren an Lungensucht (Tuberkulose). Franz Anton Walburg ging am 26.02.1820 mit der ebenfalls verwitweten Maria Catharina Kremer aus Bremke, geb. Kloidt eine zweite Ehe ein. Diese wurde am 14.02.1770 in Berghausen geboren und hatte am 23.11.1800 in der Pfarrkirche zu Reiste den Johannes Kremer, geb. am 30.10.1768 in Bremke geheiratet. Ihr Ehemann war am 10.08.1817 gestorben. Kinder gingen aus der neuen Verbindung nicht hervor. 

 


Das Haus Schulte-Köster im Mühlenweg. Hier fand Franz-Anton Walburg eine Unterkunft und gründete seine Familie. Ab 1820 bewohnte er sein eigenes Haus an der Hauptstraße. Bildbeschreibungen: (links) Schützenzug im Mühlenweg 1924. Man erkennt die Häuser (vlnr.) Schulte-Köster, Müller und Fischer. Das Haus Schulte-Köster wurde 1628 erbaut und 1962 abgebrochen. Seit 1973 steht hier das Haus Müller. (rechts: ) Eslohe um 1913: Der Ortskern mit Pfarrkirche (1783), Pastorat (1688), Vikarie (1835) und Volksschule (1856). Im Vordergrund von links die Häuser Fischer, Müller und Schulte-Köster. 


Ein bescheidenes Haus nur für wenige Jahre

 

Nach der Hochzeit zog Franz Anton mit seinen drei Söhnen aus erster Ehe und deren Stiefmutter in sein Wohnhaus, das er an der Hauptstraße neu erbaut hatte. Noch ein Jahr zuvor stand dieses im ziemlich unfertigen Zustand. Ein Bericht, den der Kreiskassen-Kontrolleur Michael Gerlach wegen Verlegung des Kreissitzes von Eslohe nach Meschede am 7. Oktober 1819 verfasste, offenbart einen Neubau mit sparsamsten Mitteln. Das Haus wurde als erstes auf der linken Seite aus Eslohe herausführenden, neu ausgebauten Koblenz-Mindener Chaussee errichtet und ist heute nach Abbruch des ursprünglichen, ein neues Haus an der Hauptstraße 66. Im Jahre 1819 war Walburgs Haus größtenteils noch nicht ausgebaut. Das Dach war nur mit Stroh gedeckt. Eine gebrechliche Treppe, die zu einer einfachen Haustür führte, leistete wenig Sicherheit und nur durch den Stall im Untergeschoss fand man den Weg hinein. Noch waren mehrere Fenster und Gefache in der ersten und zweiten Etage mit Brettern zugenagelt und im Inneren erreichte man das Obergeschoss nur über eine einfache Leiter. Dennoch hatte darin bereits der Kreisrendant Wohnung genommen. 

 

Im Regierungs-Amtsblatt vom 09.09.1826 wurde gemeldet: „Der Amtsdiener bei dem Justizamte zu Eslohe Franz Anton Walburg ist nach dem Ministerial-Reskript vom 20. Januar d.J. mit Pension in den Ruhestand versetzt.“ Doch schon wenige Tage danach, am 28.01.1826 verstarb Franz Anton Walburg an Auszehrung. Im Sterbebuch wird er als Einsasse und Ackersmann bezeichnet. Aus Dankbarkeit gegenüber den Esloher Bürgern hatte Franz Anton Walburg bereits am 27.07.1824 „bei dem Gefühle der Abnahme meiner Körperkräfte“ vorsorglich sein Vermächtnis schriftlich niedergelegt und der hiesigen Armenkasse acht Reichsthaler gemein Geld nach seinem Ableben gestiftet.   

 

Während die beiden älteren Söhne des Verstorbenen den Handwerksberuf des Gerbers lernten und ausübten, bekleidete der jüngste Sohn Anton Walburg in Eslohe das Amt des Kommunalrendanten. 1848 schreibt Amtmann Ashölter in seiner Kirchspielchronik: Die Verwaltung des Kirchspiels, der Kommunal-, Schul- und Armenkassen ist dem Rendanten Anton Walburg dahier übertragen, welcher hierfür 100 Rt. Kaution geleistet hat. Das Rechnungswesen ist durchaus kurrent (auf dem Laufenden)“. 1862 ist Anton Walburg für Eslohe und Cobbenrode zuständig (EF III S. 448). Er hatte demnach Einblick in alle Amtsgeschäfte, was ihm Einfluss und Ansehen gleichermaßen einbrachte. Er ging Zeit seines Lebens keine eheliche Verbindung ein. 

 

Der Gerber Franz Walburg emigrierte 1834 im Alter von 29 Jahren nach Amerika. Er lebte zuerst in Baltimore/ Maryland und zog nach Cincinnati/ Ohio. Dort arbeitete er in seinem erlernten Beruf als Lohgerber, gründete eine Familie und engagierte sich im Verein der deutschen Pioniere. Einer seiner Söhne wurde Pfarrer der deutschen St. Augustinus-Pfarrei. 


 

 

 Der Gelbbereiter Christian Walburg

 

Der älteste der Brüder Christian Walburg, vermählte sich am 28.06.1825 im Alter von 23 Jahren, ein halbes Jahr vor dem Tode seines Vaters, mit der gleichaltrigen Eva Theodora Pöttchen aus Meschede. Sie wurde dort am 28.09.1802 als Tochter des Ferdinand Pöttchen und dessen Ehefrau Theodora Kückenhoff geboren. 

Wie sein Vater war Christian bereits Vater eines Sohnes aus einer vorehelichen Beziehung mit der ledigen Anna Maria Ernst, Tochter des Gottlieb Ernst, Einsasse in Sieperting und der Anna Maria Schneider, geworden: Am 30.09.1824 wurde in Sieperting ein kleiner Junge geboren, der zwei Tage danach in Eslohe auf den Namen Caspar Ernst getauft wurde. Christian Walburg erkannte die Vaterschaft am 04.03.1825 jedoch vor Pfarrer Cramer an und kümmerte sich um dieses, wie um seine ehelichen Kinder:  

 

01

Anton Walburg

*02.04.1826

+20.04.1826

Das Kind starb plötzlich an Schlagfluss.

02

Ludwig Walburg

*25.05.1827

+16.04.1828

 

Tod durch Auszehrung

03

Ludwig Walburg

*24.11.1836

+17.12.1907

 

Verstarb in Columbus/ USA

04

Theresia Walburg

*05.10.1841

+18.04.1925

 

Verstarb in Covington/ USA


Die Gerber: Nichts für empfindliche Nasen

 

Der Beruf des Christian Walburg wird im Taufbuch der Pfarrei zuerst als „Gelbbereiter“, später als Lohgerber genannt. „Gelbbereiter“ beschreibt eine spezifische Art der Gerberei. Im Gegensatz zum „Rotgerber“, der mit Eichenrinde gerbte und dunkles, rötliches und festes Leder für Geschirre und Schuhsohlen herstellte, nutzte der Gelbbereiter die sog. Sämischgerbung, bei der Rohleder mit Fetten oder Tran bearbeitet wurde. Dabei entstand eine gelbliche Farbe des vornehmlich weichen und geschmeidigen Leders, das für Taschen, Handschuhe und Kleidung verwendet wurde. Dieses spezielle Handwerk erlernte auch Christians unehelicher Sohn Caspar Ernst, der 1861 in Rheine die Tochter eines Färbers, namens Maria Theresia Bröcker heiratete und mit ihr eine Familie gründete. 1865 emigrierten auch sie, wie viele in dieser Zeit, über Bremen nach Amerika. 

 

Nicht viele Gerber sind in Eslohe und näherer Umgegend bekannt: In Niederreiste ließ 1843 Joseph Roggemann an der Reismecke eine Lohmühle erbauen. Dessen ältester Sohn Anton war von Beruf Lohgerber. Im Jahre 1862 wurde eine Lohgerberei für Franz Neurath in Eslohe genehmigt. 1879 beantragte Johann Habbel aus Cobbenrode, der in Elspe den Gerber-Beruf erlernt hatte, den Betrieb einer Lohgerberei. Auch in Wenholthausen wurde eine Lohmühle betrieben. Im Jahre 1884 beantragte der Landwirt Ludwig Rüther aus Wenholthausen die Konzession zu einer Lohgerberei. Auch Ferdinand Scheele in Eslohe wird 1883 als Gerber namentlich genannt. Schon damals waren die Auflagen der preußischen Regierung streng, da das Gerben von Häuten eine schmutzige und geruchsintensive Arbeit war. Die Abwässer durften nicht direkt in die Gewässer geleitet werden und es bestand die Auflage, diese auf breiter Fläche verrieseln zu lassen.  

 

Es ist nicht überliefert, ob Christian Walburg sein Handwerk in Selbstständigkeit ausübte oder als Meister oder Geselle in Beschäftigung bei einem ansässigen Gerber stand. Da auch sein jüngerer Bruder Franz hier bis zu seiner Ausreise nach Amerika 1832 diesem Beruf nachging, ist die Annahme nicht unbegründet, dass sie gemeinsam ihr Handwerk betrieben. Ein weiteres Indiz für eine Selbstständigkeit liefert möglicherweise der nun aufgefundene Zunftstempel mit Christians Namen. 

 

Es ist etwas zurückgeblieben

 

Auch Christian Walburg und Eva, seine Frau, entschloss sich letztlich mit ihren beiden Kindern Ludwig und Theresia zur Ausreise nach Amerika. Bruder Franz wird mit vielen Briefen in die Heimat ganze Überzeugung geleistet haben. Dass er sich auch in der neuen Welt als Lohgerber erfolgreich etablieren konnte hat wohlmöglich die Entscheidung beeinflusst Eslohe für immer den Rücken zu kehren. Vielleicht gingen sie in Bremerhaven am „Kaje der Tränen“ an Bord eines Auswandererschiffes, vielleicht auch im Hamburger Hafen. Der Tag ihres Abschieds von der Heimat ist nicht bekannt und kann um 1850 vermutet werden. Der ledige Bruder Anton Walburg blieb zurück und übernahm das Haus der Familie in Eslohe, welches später von einem Kaufmann erworben wurde. Doch auch das ist längst Geschichte. 

 

So endet die durch den aufgefundenen Siegelstempel in Gang gesetzte Suche mit einer leisen, beinahe nachdenklichen Gewissheit. Hinter dem Namen verbarg sich kein Mythos, sondern ein Mensch. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieser Entdeckung; dass Geschichte nicht nur aus großen Ereignissen besteht, sondern auch aus den vielen kleinen, die im Verborgenen bleiben – bis jemand beginnt, ihnen wieder nachzugehen.